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Call Me Adam

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Rennfahrer Gene

Der Kater schlägt zurück.

Ich oute mich hiermit als Oldtimer-Freak – ja, ich bin der Leidenschaft für klassische Fahrzeuge erlegen. Unbezahlbar das Gefühl, wenn das tagsüber auf den kurvigen Strassen der Toskana angesammelte Adrenalin am Abend der wohlverdienten Müdigkeit weicht. Ich bin eben ein Kater mit Benzin im Blut.
Doch, wenn es etwas gibt, dass mich noch mehr befriedigt, als mich mit einem Oldtimer einen Alpenpass hochzuschrauben oder auf einen Espresso nach Triest zu cruisen, dann ist es das, den edlen Boliden vorher auf Hochglanz zu polieren. Die Optik, die Haptik, der Geruch nach Leder, Benzin und Testosteron. Jede Schraube, jede Öse und jedes Lederriemchen erhält seine Zuwendung und Streicheleinheit.
Glücklicherweise ist die Garage unserer Upper-Class-Villa gut bestückt mit top-gepflegten Boliden, denn auch Adam, mein Dosenöffner, hegt eine grosse Leidenschaft zu edlen Autos. Was das schöne Zusammenleben etwas beeinträchtigt, ist die Tatsache, dass diese ihm gehören und er nur selten bereit ist, den Fahrersitz mit mir zu tauschen! Und das stört ein wenig, wenn man den Traum hegt an einer Classic-Ralley teilzunehmen.
So muss ich immer wieder zu Tricks greifen, um ihn vor der Garage fernzuhalten. Fingierte Termine und Dates sind da noch die harmloseren Fallen, die ich ihm schon gestellt habe, um freie Fahrt zu haben.
Letzten Samstagmorgen passierte nun Folgendes: Adam betrat pfeifend die Küche und während er sich einen Espresso zubereitete, erklärte er mir wortreich, dass die seit einem halben Jahr geplante Oldtimer-Ralley-Teilnahme für mich leider ins Wasser fiele. Nach reiflicher Überlegung habe er beschlossen, dieses unwiderbringliche Erlebnis mit seiner neuen Flamme zu teilen, denn sie wünsche es sich so sehr.
Nach kurzer Schockstarre schlurfte ich langsam zu meinem Kissen am Fenster, drapierte mich mit dem Rücken zu ihm und ging zum Gegenangriff über. Mit ruhiger Stimme erklärte ich ihm, dass ich das grösste Verständnis für seine Entscheidung habe, da sie es sich schon lange verdient hätten, mal gemeinsam rauszukommen und Ralley-Luft zu schnuppern. Mir sei natürlich vollkommen klar, dass ich diese Zweisamkeit nur stören würde. Was soll ich sagen, er konnte sein Glück nicht fassen. Offensichtlich hatte er mit mehr Gegenwehr gerechnet. Rasch stürzte er seinen Espresso hinunter und dampfte ab, um zu packen.
Während er das Gepäck verlud, klaute ich ihm sein Handy und die Geldbörse samt Ausweispapieren aus dem Handschuhfach, schickte eine iMessage an sein derzeitiges Herzblatt und sagte ihr fürs Wochenende ab. Unmittelbar danach löste ich über die Alarmanlage mit Direktverbindung zur Polizei einen stillen Alarm aus. Dann tätigte ich noch einen Anruf mit dem Polizeinotruf 117, gab mich als Nachbar aus und berichtete, dass eben im Haus gegenüber ein sündteurer Oldtimer mit einem fremden Mann am Steuer aus der Garage gefahren sei, obwohl die Hauseigentümer übers Wochenende verreist seien. Sicherheitshalber gab ich auch noch Modell und Autonummer des frechen Diebes durch. Danach entfernte ich das Akku aus Adams Handy, warf es in eine Blumenvase und legte das Telefon zurück an seinen Platz.
Als Adam gleich darauf losfuhr, winkte ich ihm freundlich vom Fenster aus zu. Ich zählte bis 100, trank einen perfekten Espresso und stieg mit meiner Reisetasche in mein Lieblingscabrio.
An der zweiten Ampel stand ein Gross-aufgebot der Polizei und mittendrin der vollkommen aufgelöste Adam, der eben eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen musste. Kurz fragte ich mich, wie er sich wohl ausweisen und wer ihn identifizieren würde, doch dann packte ich diese Sentimentalität ins Handschuhfach und fuhr erbarmungslos an der Szene vorbei und in Richtung eines herrlichen Wochenendes – mit einem unerfüllten Traum auf vier Rädern!

Der grosse Prinz

BERUF: RENNFAHRER.

Sie kennen Karl Wendlinger nicht? Das ist typisch Er. Der Österreicher galt zu Beginn seiner Rennsportkarriere vor über 30 Jahren als aussergewöhnlich talentiert. Und als aussergewöhnlich schweigsam. Um seine Person hat er nie gross Aufhebens gemacht. Das ist schade. Dürfen wir vorstellen: Karl Wendlinger. Ein moderner Driver und Gentleman.

Rückblende. Belustigtes Glucksen unter den männlichen Kollegen: «Du willst Karl Wendlinger interviewen? Dann mal viel Spass.» Was die Herren der schreibenden Zunft mir vor fast 30 Jahren zwischen den Zeilen mitteilen wollten, war, dass man dem hoffnungsvollen Piloten nachsagte, ihm jedes Wort aus der Nase ziehen zu müssen. Ein schwerer Fall. Ich habe mich damals dennoch im November 1989 auf den weiten Weg gemacht, Karl Wendlinger in Macau zu treffen, wo er einen Lauf der Formel-3-Meisterschaft bestritt, einen Stadtkurs, einer von denen, die Niki Lauda, Landsmann meines Interviewpartners, mal als gleichbedeutend mit «U-Boot Fahren in der Badewanne» verglich. Karl startete damals mit dem Marko RSM Team (dahinter verbirgt sich Dr. Helmut Marko, der heute das Red Bull Formel-1-Team berät und für die Fahrerausbildung zuständig ist) mit einem Formel-3-Auto, in dem ein Alfa-Romeo-Motor steckte. Im Starterfeld waren noch andere klingende Namen der Motorsportzukunft: Mika Häkkinen, Alessandro Zanardi, Gianni Morbidelli, Bertrand Gachot, Heinz-Harald Frentzen und auch Michael Schumacher. Alle, inklusive Karl, schafften es nicht, in den engen Gassen der portugiesischen Enklave das Rennen zu Ende zu fahren. Wendlinger wurde trotzdem Deutscher Meister der Formel 3 in dieser Saison aufgrund seiner hervorragenden Ergebnisse vorher. Wendlinger. Nicht Frentzen, der wurde 2. Und nicht Schumacher, der wurde 3.

AUSTRIAN CONNECTIONS

Das Interview sollte zu einem der eindrücklichsten meiner gesamten schreiberischen Laufbahn werden. Ich traf einen tiefenentspannten 21-Jährigen, der den ganzen Rummel um sich völlig gelassen nahm. Jedes Wort aus der Nase ziehen? Man musste nur die richtigen Fragen stellen. Der als «Kronprinz Karl» und «neuer Lauda» (für die Chronisten: Niki Lauda ist ein Österreichischer Motorsportler, dreimaliger F1-Weltmeister und beendete seine aktive Fahrer-Karriere 1985. Ihm gehören 10 Prozent des Mercedes AMG Petronas F1-Teams, derzeit erholt sich der bald 70-Jährige von einer Lungentransplantation, nötig aufgrund der Spätfolgen seines Horrorcrashs 1976 am Nürburgring, wo er beinahe im Auto verbrannte und Massen an toxischen Dämpfen einatmete) betitelte Sportler erzählte bereitwillig von seiner Kindheit, seinem Leben, seinen Welten, seinen Träumen. Davon, dass seine Mutter Traudi spätestens seit «der Bub mit vier Jahren auf seinem ersten Motorrad gegen die Tür der Werkstatt fuhr und durch die Scheibe flog» wusste, dass er nicht aufzuhalten sei. Die Eltern besassen eine Autowerkstatt zu der Zeit, Vater Karl Senior fuhr selber 20 Jahre Rennen, der Apfel fällt nicht weit von der Hebebühne. Mit 15 bekam Karl Junior das erste Kart, fuhr in der POP-Juniorenklasse, wurde 1984 Süddeutscher Kart-Juniorenmeister, 1986 Österreichischer Kart-Vizemeister. Ein Talent, das eben auch dem Österreicher Dr. Marko auffiel, der früher selbst Formel 1 fuhr und in Graz ein Hotel besass. Zusammen mit Formel-1-Pilot Gerhard Berger, ebenfalls Österreicher, der den jungen Freund mit Tipps versorgte, half er, die Karriere Karls zu forcieren.

SCHNELLE SCHULE

Zum Aufbauprogramm gehörte ein Testvertrag mit Mercedes. L-Team nannten sie es damals, drei Nachwuchspiloten wurden bei der Schweizer Rennwagenschmiede von Peter Sauber in der Sportwagenweltmeisterschaft Gruppe C drei alten Hasen an die Seite gestellt. Karls Kollegen: Fritz Kreuzpointner und Michael Schumacher. Der «Lehrer»: Motorsportlegende Jochen Mass. Ab da ging’s zügig voran mit der Karriere, das Experiment in der Gruppe C war erfolgreich, Wendlinger gewann sogar 1990 ein Rennen der World Sportscar Championship in Spa. Der stille Typ fiel auf, gewann im nächsten Jahr erneut und empfahl sich für die Formel 1, noch Ende Saison 1991 fuhr er sein Debut beim Team Leyton House am Grand Prix von Japan.

LEBEN ALS RENNFAHRER

Schnitt. Spätsommer 2018. Dass Karl Wendlinger in Arosa am Arosa ClassicCar Event vor mir steht, ist irgendwie nicht selbstverständlich. 1994 verunglückte er beim Training zum Formel-1-Rennen in Monaco schwer. An einem Rennwochenende, das sowieso schon nicht unter business as usual gelaufen war. Am F1-Rennwochenende zuvor in Imola hatte am Freitag der Brasilianer Rubens Barricello einen gigantischen Unfall wie durch ein Wunder nur leicht verletzt überlebt. Am Traingssamstag aber verunglückte Roland Ratzenberger, ein Landsmann von Karl, tödlich und am Renntag selbst Ayrton Senna. Ebenfalls tödlich. Der ganze Formel-1-Zirkus stand elf Tage später in Monaco immer noch unter Schock und musste jetzt zusehen, wie Karl Wendlinger mit seinem Sauber Formel-1-Boliden in einer Absperrung einschlug. Der, der immer gedacht hatte «Mir passiert nix!» überlebte den Unfall zwar, wurde aber mit seinen massiven Hirnschäden in ein künstliches Koma versetzt. Und findet rückwirkend beurteilt nur langsam zurück ins Leben. Karl selbst war die Ungeduld in Person. Wie ihn schon als Kind ein Flug durchs heimatliche Garagenfenster nicht stoppen konnte, wollte er auch jetzt nur eines: so schnell wie möglich wieder ins Auto. «Von aussen betrachtet war es ein Schmarrn damals», rekapituliert Wendlinger heute, «im Juni, also nur wenige Wochen nach dem Unfall, habe ich meine Eltern noch nicht wiedererkannt und im September bereits wieder im Rennauto gesessen.» Kundige Therapeuten, allen voran Professor Willi Dungl († 2002) leisteten ganze Arbeit, spätestens seitdem spult Karl brav sein Fitnessprogramm ab, früher hat er Sport als solches nicht gern gehabt. Sein Team hatte dem Rastlosen den Platz im Boliden frei-gehalten. «Aber meine Konzentrationsfähigkeit war schlecht in 1995», gibt Karl Wendlinger heute zu. Und sein Teamkollege beim Sauber Mercedes Formel-1-Team, Heinz Harald Frentzen, fuhr die besseren Rundenzeiten, dazu kam noch, dass der grossgewachsene Wendlinger einen Gewichtsnachteil gegenüber dem kleineren Frentzen hatte. Die Formel-1-Laufbahn ging zu Ende, Karl stieg um auf Tourenwagen. «1997 konnte ich mein komplettes Potenzial wieder abrufen», sagt Karl Wendlinger, das ist jetzt über 20 Jahre her. Jahre, in denen er in diversen Motorsportmeisterschaften weltweit fuhr, Jahre, in denen er auch seine langjährige Freundin Sophie geheiratet hat und zwei Kids in die Welt setzte, der Sohn ist heute 18, die Tochter 21 Jahre alt. Die Wendlinger Jungmannschaft hat nicht das Renn-Gen, der Vater unterstützt sie trotzdem in allem, was sie machen wollen. «Wie meine Eltern mich unterstützt haben», so einfach ist das. Im Fall des Sohnes ist das der Fussball, Jonas Wendlinger spielt beim 1. FC Nürnberg in der Deutschen U19.

BOTSCHAFTER UND GENTLEMAN

Karl Wendlinger ist gesprächig hier in Arosa, kein Vergleich mit dem zurückhaltenden Junior, der er vor fast 30 Jahren war. Er erzählt vom Geschäft seiner Eltern, dass er inzwischen die Werkstatt in Kufstein übernommen hat, und immer noch dort lebt. Er ist angereist als Markenbotschafter für IWC, pilotiert einen Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer des IWC Racing-Teams, Teammitglied ist er allerdings nicht, noch nicht, er ist praktisch ausgeliehen, einen Vertrag hat er mit AMG Mercedes. Zu so einem Event gehören auch Taxifahrten, ein paar Auserwählte durften mit Karl Wendlinger in dem einzigartigen Flügeltürer die über 7 Kilometer lange Bergrennstrecke abfahren. Das Wetter ist schlecht, es schneit und regnet im Wechsel, obwohl es erst Ende Sommer ist, den «Karli» wie ihn seine Fans gerne nennen, kümmert das nicht. Motorsport ist sein Beruf, seine Berufung, niemals wollte er etwas anderes machen. Kommt man nicht ins Grübeln, auch nicht nach so einem eigenen Horrorcrash? «Man hat seinen Weg und da kommt man nicht raus», versucht Karl Wendlinger eine Erklärung und faltet seine 1,85 Meter elegant in den silbrigen Mercedes-Benz Oldtimer. «Aber man kann es positiv gestalten.» Was er zweifelsohne tut.

FOLLOW KARL WENDLINGER AUF INSTAGRAM: @KARLWENDLINGER

Photos Copyrights: © Dörte Welti, Pauli Mathieu Bonnevie, Dörte Welti, Pauli

SPEZIFIKATION DES SL MERCEDES-BENZ 300 SL «GULLWING»

Baujahr : 1955
Motorleistung: 215 PS
Viergang-Schaltgetriebe
Das Auto (und ein Schwestermodell) wird von HK-Engineering in Polling (D) für das Mercedes-Benz Classic Center liebevoll vorbereitet.

Rand Notizen

Es gibt nur zwei quadratische Landesflaggen auf der Welt:
Die der Schweiz und des Vatikans.

Helvetica, einer der beliebtesten Schriftsätze der Welt, wurde 1957 in Münchenstein bei Basel entwickelt.

Helvetica, einer der beliebtesten Schriftsätze der Welt,  wurde 1957 vom Grafiker Max Miedinger mit Eduard Hoffmann, dem Geschäftsführer der Haas’schen Schriftgiesserei in Münchenstein bei Basel entwickelt.

Der höchste Gipfel der Schweiz, die Dufourspitze, liegt 4’634 Meter über dem Meer. Der tiefste Punkt der Schweiz ist am Ufer des Lago Maggiore, nur 195 Meter über dem Meer und nur 70 Kilometer von der Dufourspitze entfernt.

Die 1000-Franken-Bank Note hat den höchsten Geldnotenwert der Welt!

Der Schweizer Cannabiskonsum ist einer der höchsten der Welt.
Man schätzt, dass ungefähr 60’000 Kiffer jährlich um die 100 Tonnen Haschisch und Marihuana verrauchen.

Rund 70%  der Schweiz bestehen aus Bergen. 208 davon sind über  3000 Meter hoch,  24  über 4000 Meter.

Albert Einstein arbeitete beim Patentamt Bern, als er seine Relativitätstheorie veröffentlichte.

2012 stellten 18 Schweizer Schokoladenfabrikanten 172’376 Tonnen Schokoloade her. Angeblich vertilgt der durchschnittliche Schweizer rund zehn Kilo Schokolade pro Jahr, das Doppelte des Durchschnittsamerikaners mit 5,3 Kilo. 

Der Dalai Lama ist der Besitzer des kleinsten Rebbergs der Welt –La Vigne à Farinet im Wallis –, der auf 1,67 Quadratmeter Fläche aus drei Rebstöcken besteht.

Photos Copyrights: Manuela Dona, Shutterstock/billdayone

Es wird Zeitz!

Zum Glück gibts es mehr und mehr hochrangige Manager und CEO’s, die sich für das Wohl unseres Planeten , den einzigen, den wir haben, tatkräftig engagieren und nicht nur darüber reden, was man alles machen müsste. Die Vielseitigkeit und Konsequenz der engagements von Jochen Zeitz ist jedoch ziemlich einzigartig. Vor vier Jahren hat unsere Autorin Dörte Welt ihn zum ersten mal zu seinen Intentionen interviewt, jetzt hat sie nachgefragt.

Jochen Zeitz, vor vier Jahren sprachen wir darüber, dass in Zukunft Unternehmen generell eine Ökobilanz ausweisen sollen. Hier nochmals Ihre Erklärung, wie man sich das vorstellen muss:

Jochen Zeitz: Bis ein Produkt auf den Markt kommt und schlussendlich vom Verbraucher gekauft und genutzt wird, beansprucht der Hersteller Wasser, nutzt Land, Luft und produziert Abfall und Schadstoffe wie Kohlenstoffdioxid (CO2). Diese Elemente müssen in ein messbares Verhältnis gesetzt und mit einem monetären Wert transparent gemessen werden. In der Summe erhalten wir so eine Ökobilanz, deren Grundlage für alle gleich ist und die am Ende eines Jahres wie die Geschäftszahlen auch ausgewiesen werden könnte. Sozusagen den Umweltabdruck in Euro und Cent.

Sie haben bei unserem Gespräch vor vier Jahren den Wunsch geäussert, dass es gelingen möge, einen Standard einzuführen, der möglichst gesetzlich verankert sein sollte. Was ist aus dem Wunsch geworden?

Im Rahmen des Möglichen gibt es Fortschritte, aber auch Rückschritte, eine Standardisierung muss über die politische Schiene geschehen und da gibt es im Moment noch wenig Bewegung. Wir merken in unserer Arbeit auch, dass der Mensch unheimlich auf sich selbst fokussiert ist. Wir überlegen im Allgemeinen immer erst, was Änderungen im Verhalten oder radikale Massnahmen für uns selbst bedeuten, bevor wir über den Rest der Welt nachdenken.

Das klingt ein wenig ernüchternd…

Nein, gar nicht, ich schaue nach vorne nicht zurück, grosse kulturelle Änderungen brauchen immer ihre Zeit. Ich habe vor vier Jahren gesagt, dass ich hoffe, dass unsere Generation es noch erlebt, dass Unternehmen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, bevor der Welt die Luft ausgeht. Es ist wichtig, dass wir nicht abwarten, bis etwas passiert, wir müssen schnell handeln. Die Zeit bleibt nicht stehen, wir müssen den Begriff „bewusst leben“ auch wirklich leben, die Umwelt verändert sich schneller und schneller. Ich bin immer noch überzeugt von dem, was ich tue und wie ich es tue. Ich denke, so kann man auch etwas erreichen, wenn man aus voller Überzeugung mit positivem Drang nach vorne handelt und sieht, was alles machbar ist.

„NATUR IST UNSER KAPITAL, WIR MÜSSEN SIE NUR GENAU SO BEMESSEN, WIE WIR ES AUCH MIT ANDEREN WERTEN IN UNTERNEHMEN TUN.“

Müssen Sie die Wünsche und Pläne von vor vier Jahren revidieren?

Teilweise. Wir haben es noch nicht geschafft, einen einheitlichen Standard für die EP&L zu denieren, was meine Hoffnung für 2020 war. aber immerhin geben viele Firmen heute ihre eigene Umweltbewertung ab. da sind Organisationen wie das WBCdS* oder die SdG**, die heute Business als integralen Bestandteil für die Lösung der grössten Probleme auf dem Planeten Erde integrieren und ansehen. das Klimaabkommen wird auch weltweit umgesetzt und daran wird auch Donald Trump nichts ändern können, denn viele Staaten innerhalb der USA gehen den richtigen Weg in dieser Sicht konsequent weiter.

Die Ökobilanz ist ja aber nicht nur für grosse Firmen ein Thema, sie sollte ja auch umsetzbar sein für jedes KMU und kleinere Businesses. Können Sie uns erklären, wie genau das funktionieren kann?

Indem man qualitativ und quantitativ für die Elemente, die wir alle nutzen, egal ob wir Schuhe, Autos oder Bonbons produzieren, messbare Werte einführt. Es ist schon mal gut, dass jetzt überhaupt über Ökobilanz nachgedacht wird und dass jeder es erst einmal so macht, wie er denkt. Im Laufe der Zeit findet man dann heraus, was wichtig und was nicht so wichtig ist. Es kann auch passieren, dass ein Unternehmen feststellt, dass die Produktion mit einer neuen Supply Chain unter ökologischen Bedingungen nicht funktioniert. Wenn ich zum Beispiel ein Produzent bin, der zu viel Wasser an einem Punkt verbraucht, dann muss ich an genau der Stelle ansetzen und was ändern. Kleinere Unternehmen könnten sich an den Erfahrungen grösserer orientieren, man muss das Rad nicht jeweils neu erfinden. Was man nicht misst, also in Zahlen und Werten, managt man auch nicht oder man verbessert an der falschen Stelle. Dann bleibt Ökobilanz ein abstrakter Begriff. Natur ist unser Kapital, wir müssen sie nur genau so bemessen, wie wir es auch mit anderen Werten in Unternehmen tun. Die Liebe zur Natur allein reicht nicht, denn die löst die Probleme nicht, die wir geschaffen haben.

Warum haben Sie Kering als aktives Aufsichtsratsmitglied verlassen?

Gerade die Luxusmarken könnten doch vorbildlich agieren und Sogwirkung auf andere und vor allem auch Kunden haben, ein Umdenken einzuläuten?
Eine Prämisse im Board von Kering ist, 50:50 Parität zu haben. Wenn Frauen dazu kommen, gehen Männer von Bord sozusagen, meine Zeit dort war mit zwei anderen Kollegen damit abgelaufen. Ich hoffe, andere folgen dem Vorreiter Kering in diesem Schritt.

Warum haben Sie Kering als aktives Aufsichtsratsmitglied verlassen?

Gerade die Luxusmarken könnten doch vorbildlich agieren und Sogwirkung auf andere und vor allem auch Kunden haben, ein Umdenken einzuläuten?
Eine Prämisse im Board von Kering ist, 50:50 Parität zu haben. Wenn Frauen dazu kommen, gehen Männer von Bord sozusagen, meine Zeit dort war mit zwei anderen Kollegen damit abgelaufen. Ich hoffe, andere folgen dem Vorreiter Kering in diesem Schritt.

Und jetzt, mit einer Familie – wird sich Ihr Aktionsradius verändern?

Wie bisher werde ich jeden möglichen Tag mit der Familie bewusst verbringen, so bewusst es geht leben. Es herrscht eine unglaubliche Beschleunigung der Vorgänge aufgrund der sich ständig entwickelnden Technologien. Und es gibt mehr Menschen auf der Welt, die natürlich auch mehr Probleme haben und aufwerfen. Die kulturelle Shift geht nicht ganz so schnell wie die technologische, da ist noch viel zu tun. Ganz konkret heisst das für mich, Segera, das Zeitz MOCAA, The Long Run, das B Team und meine verschiedenen Aufsichtsratstätigkeiten in Unter-
nehmen und anderen Not for Profits. „Niemand kann alles machen, aber jeder kann etwas tun“, lautet die Weisheit eines Bekannten (Johann Ernst Nilson). Das unterschreibe ich. Ich mache so viel wie möglich mit dem Ziel, langfristig so gut es geht einen positiven Beitrag zu leisten.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, die Institutionen und Organisationen zu unterstützen, die Jochen Zeitz bewegen, oder ihnen zumindest zu folgen. Hier eine kleine Auswahl an Webseiten, die es sich anzuschauen lohnt:

www.zeitzfoundation.org
www.segera.com
https://zeitzmocaa.museum
www.thelongrun.org
www.bteam.org

*WBCDS ist eine globale CEO-geführte Organisation von über 200 führenden Unternehmen, die gemeinsam daran arbeiten, den Übergang in eine nachhaltig orientierte Welt zu beschleunigen.
**SDG steht für Sustainable Development Goals.

Weitsicht: Conservation, Community, Culture und Commerce sind die vier Cs und Eckpfeiler der 2012 eröffneten Segera. Jochen Zeitz ist davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit gewährleistet ist, wenn alle vier Cs im Einklang sind.

JOCHEN ZEITZ – BIOGRAFIE

Ein so prall gefülltes Leben in Kürze aufzulisten, ist unmöglich. Hier also nur die öffentlich bekannten, wichtigsten Stationen.Jochen Zeitz ist gebürtiger Deutscher. Er studierte International Marketing and Finance in Deutschland, Frankreich und den USA, machte seinen Bachelor 1986 an der European Business School. Mit 30 übernahm er als damals jüngster CEO in Deutschland die Firma Puma als Vorsitzender und CEO und führte 18 Jahre lang das Sportartikelunternehmen in eine erfolgreiche Zukunft. In der Folge amtete Jochen Zeitz als Aufsichtsratsmitglied von Kering (Mutterkonzern diverser Luxusmarken wie z. B. Gucci), leitete dort das Sustainability-Programm und entwickelt den EP & L, den Environmental Profit & Loss Account. Er gründete die Zeitz Foundation und die Long Run-Initiative, eröffnete 2012 das Segera Retreat in Kenya. 2013 gründet Jochen Zeitz gemeinsam mit Sir Richard Branson und vielen Top-Businessleuten aus aller Welt das The B Team. Er ist aktuell Board Member von Cranemere und Harley Davidson, Letztere haben gerade ihre Produktrange mit elektrisch angetriebenen Motorrädern erweitert. 2013 begann auch die Konstruktion von Zeitz MOCAA, das weltweit grösste und erste Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst in Kapstadt in Südafrika, Eröffnung war Ende 2017 (zu den Patrons gehören Robert Redford, Morgan Freeman, auch der jüngst verstorbene Kofi Annan gehörte dazu). Die Liste der Organisationen, die er unterstützt, ist sehr lang, er hat Bücher geschrieben und diverse Awards gewonnen. Jochen Zeitz reist viel, lebt mit seiner Frau Kate Garwood und Kids in Kenya, England und den USA.

Wandel: Das MOCAA entstand in einem alten Kornsilo und bietet 9’500 m2 Platz für zeitgenössische afrikanische Kunst.

Photos Copyrights: Wianelle Briers, Crookes and Jackson, MOCAA

Fashion at it’s best

Das Gewicht, der Duft der Seiten, die grossformatigen Fotografien – kaum jemand, der sich dem Charme der Coffeetablebooks und Bildbände entziehen kann. Eine kleine Auswahl an Klassikern und Neuerscheinungen über die Mode, ihre Schöpfer und ihre Starfotografen.

Yves Saint Laurent

Accessoires

Pünktlich zur Eröffnung der beiden Museen in Paris und Marrakesch im letzten Jahr, öffnete die «Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent» das bin dahin streng geheim gehaltene Archiv von Yves Saint Laurent. Ein Archiv mit rund 20‘000 Skizzen, Polaroids, Kleidern und Accessoires, aber auch Schmuckstücken, die in Zusammenarbeit mit den grössten Juwelieren ihrer Zeit entstanden. In «Yves Saint Lauren Accessoires» widmet sich Autor Patrick Mauriès den Couture-Accessoires des Modeschöpfers.

Phaidon

Dior – zeitlose Eleganz

Dieses bildgewaltige Buch des Modeexperten Jérôme Gautier zeigt die Geschichte des Couture-Hauses Dior. Eine Erfolgsgeschichte, die 1947 begann, als Christian Dior seine erste Kollektion in Paris präsentierte und die Stadt in einen Rausch der Begeisterung versetzte. Ein «Must-have» für Dior-Fans mit Bilder von Starfotografen wie unter anderen Tim Walker, Irving Penn, Richard Avedon, Mario Testino oder Ellen von Unwerth. Ein Buch über die Eleganz und den Glamour eines Hauses, das einst den «New Look» kreierte.

Prestel

Coco Chanel

Keine prägte die Modewelt so, wie sie es tat: Gabrielle «Coco» Chanel. Sie revolutionierte die Modewelt und erfand den «modernen Luxus»: elegant, unaufdringlich, charismatisch. Und damit einen Look, der bis in unsere Tage nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Diese aussergewöhnliche Trilogie des Autors François Baudot ist ein wahrer Klassiker. Elegant in einem Schuber sind die drei Bücher thematisch nach den Segmenten «Chanel Fashion», «Chanel Jewellery» und «Chanel Perfume» unterteilt.

Assouline

Shadows on the Wall

Dass der Starfotograf Peter Lindbergh nicht viel von retouchierten Gesichtern hält, ist gemeinhin bekannt. In seinem Bildband «Shadows on the Wall» setzt er in gewohnter Lindbergh-Manier einen Kontrapunkt zur überperfektionierten Modefotografie. Keiner fotografiert die Zeichen der Zeit auf Haut, wie er es tut – ästhetisch und fesselnd. Protagonistinnen sind neben Charlotte Rampling, Helen Mirren, Rooney Mara und Zhang Ziyi auch Robin Wright und Julianne Moore. «Shadows on the Wall» ist eine Hommage des Meisters an Natürlichkeit, Persönlichkeit und
Ausdrucksstärke.

Taschen

John Galliano «Unseen»

Dieser Bildband von Robert Fairer ist ein absolutes «Must-have» für Modeliebhaber. Mit seinen Behind-the-Scenes-Aufnahmen wurde der Fotograf berühmt und war über eine Dekade lang exklusiver Backstage-Fotograf der American Vogue. Der atemberaubende Bildband John Galliano «Unseen» dokumentiert chronologisch die legendären Shows des Modeschöpfers Galliano zwischen 1996 und 2011 und beinhaltet 28 Kollektionen. John Galliano «Unseen» ist das Nachfolgebuch von Alexander McQueen – «Unseen».

Thamse & Hudson

SIR!

Verführerisch und prickelnd: Das ist «SIR!» und ein Bildband von einem der wohl grössten Fotografen unserer Zeit: Mario Testino. Limitiert auf 1,000 Exemplare, nummeriert und signiert beinhaltet das Buch 300 schillernde Männerporträts. Ob unbekannte Beaus oder Celebrities, Modeaufnahmen, vermeintliche Schnappschüsse oder das Partyleben des Jet-Sets – glamourös sind sie alle. Mit Aufnahmen von Brad Pitt, George Clooney, Jude Law, Colin Firth, David Beckham, David Bowie, Mick Jagger und vielen mehr.

Taschen

Mode aus Liebe

Es ist tatsächlich schon zehn Jahre her: AM 1. Juni 2008 verstarb Modedesigner Yves Saint Laurent. Seine Kreationen sind pure Wertschätzung der Frau, Stoff gewordene Bewunderung und Ausdruck tiefer Einblicke in geheime Phantasien. Ein Annäherungsversuch.

Er sei ein bisschen ein Künstler, wird Yves Mathieu-Saint- Laurent zitiert, aber wenn er genau nachdenke, eher nicht nur ein bisschen. Diese kleine Anekdote* ist vielleicht das ehrlichste, was man über den in Oran in Algerien geborenen Designer finden kann. Yves wächst unter vielen Frauen auf, mit zwei Schwestern, Mutter und Grossmutter, der schlaksige Jüngling entdeckt en passant früh die sinnliche Welt der Modemagazine, der Düfte, der knisternden Stoffe und opulenter Farben. Sein Vater ist Versicherungsangestellter, die Eltern beide nachfahren von nach Algerien geflüchteten Elsass-Lothringern. Man kann sich vorstellen, wie der Junge in einer Mischung aus Konventionen und der Ahnung einer schillernden Welt aufwächst. Er ist künstlerisch begabt, schwärmt für Christian Dior, zeichnet gerne und bemerkenswert, darf 1953 mit 17 Jahren nach Paris ziehen, um dort im chambre Syndicale, dem herz der französischen coutureszene, seine Ausbildung zum Mode- und Bühnenzeichner zu absolvieren.

Dieser «Move», wie man es im heutigen Businessleben nennen würde, hat in atemberaubender Geschwindigkeit Folgen. noch im ersten Jahr reicht der Student Modezeichnungen bei dem damals einzigen internationalen Wettbewerb ein, den die Branche zu bieten hat, dem Modepreis des Internationalen Wollsekretariats**.

Er bekommt respektable Anerkennung, im Jahr darauf gewinnt Yves Mathieu-Saint-Laurent den ersten und dritten Preis, zweiter wird ein weiteres Genie, das die Modewelt bis heute in Atem hält: der Deutsche Karl Otto Lagerfeld. Für den jungen Franzosen wird ein Traum wahr: Er darf bei christian Dior arbeiten, der Modezar in den besten Jahren nimmt den Jüngling als Assistent unter seine Fittiche. Yves ist 21 Jahre alt, als der Grand Monsieur nur 52-jährig stirbt, und er zum Nachfolger und damit creative Director der mondänen Maison ernannt wird.

Der Exot aus Oran startet durch. Mit Bedacht, er wird ein Meister der subtilen Sensationen. Erst folgt er noch der berühmten Dior-Linie, beweist seinem Ziehvater Respekt und Treue, indem er brav nach dessen Façon die neuen Kollektionen entwirft. Schnell aber bricht sich seine eigene Vorstellung Bahn, die ersten Dior-fernen Modelle entstehen und das haus Dior sieht von einer weiteren Zusammenarbeit ab. Kein Beinbruch für den schönen Mann, der in Pierre Bergé einen Partner gefunden hat, mit dem er zuerst auf intimer privater Ebene, für den Rest seines Lebens aber auf einer intellektuellen und beruflichen Basis die perfekte Symbiose eingeht. 1961 gründet das Duo Yves Saint Laurent, das Modelabel, das bis heute Bestand hat. YSL hätte auch MSL werden können, in frühen Dessins hob Yves Mathieu- Saint-Laurent die Anfangsbuchstaben seines edlen Nachnamens gerne explizit hervor.

Yves Saint Laurent spielt mit den Geschlechterrollen, legendär sein erster Smoking für Frauen 1966. Gleichzeitig erhebt er die Frauen zu Göttinen gleichen Wesen in seinen kunstvollen De lée- und Foto-Inszenierungen, arbeitet parallel an Theaterproduktionen mit und kreiert so die perfekte Mischung von Bühne, Drama, Traum und realer Mode. YSL ist revolutionär, provokativ, ohne obszön zu werden, selbst spärlich bedeckte Frauen bleiben immer unfassbar elegant. Die umwerfendsten Stars tragen das Label, Frauen, die so unnahbar und trotzdem verletzlich sind wie der Maestro selbst. Bianca Jagger, die kühle Catherine Deneuve, Marisa Berenson wird zur Muse, in der jüngeren Zeit sind es Ikonen wie Carla Bruni und Kate Moss, die für die rebellische Eleganz stehen.
Unvergessen die Rive-Gauche-Linie, die ab Mitte der 1960er-Jahre die arrivierte Szene erstaunte, weil sich der Revoluzzer getraute, neben Haute Couture eine Ready-to-Wear-Mode zu lancieren. Er wolle den Frauen Selbstsicherheit geben und sie unterstützen, nicht nur schmücken, wird Saint-Laurent zitiert. Mission accomplished.

Yves Saint Laurent gehörte übrigens zu den führenden cou- turiers, die sich für ihre Kollektionen zu weiten Teilen auf die exquisite Qualität Schweizer Stoffe verlassen. Das Zürcher Seidenunternehmen Abraham und dabei vor allem der Chefdesigner Gustav Zumsteg hatten eine sehr enge Verbindung zu Yves Saint-Laurent als Mann und als Designer. Zumsteg, der auch für Dior entwarf, traf den newcomer anlässlich der Beerdigung von christian Dior. Die Kooperation von Zumsteg und Saint Laurent wurde intensiv, Stoffdesigner und Couturier inspirierten und bewunderten sich gegenseitig. Zumsteg und Saint-Laurent teilten die Liebe zur Kunst, der Modedesigner inszenierte seine Models gerne in prachtvollem Art-Ambiente und brachte Referenzen berühmter Maler in seine Mode ein. Die Stoffe dazu hatte der begeisterte Kunstsammler Zumsteg ebenfalls inspiriert von Meilensteinen der Kunst entworfen.***

Den Couturier Saint-Laurent umweht zeitlebens ein hauch Tragik, bei allem Erfolg und der Liebe der Beautiful People zu ihm und seinen Werken wirkt er irgendwie verloren. Er inszeniert 2002 seinen Abschied vom Laufsteg mit einem gi- gantischen De lée im centre Pompidou in Paris, 2’000 Gäste erweisen dem sichtlich erschöpften Mann die Ehre, die A-List der Topmodels führt die Meilensteine der von ihm gesetzten Trends vor: Smoking, Jumpsuit, Safari-Look, Russischer Style, china-Look, die durchsichtige Bluse und vieles mehr. Im sel- ben Jahr gründet sich die Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent, die zum Ziel hat, das Lebenswerk des Meisters zu erhalten und zu promoten. Auch heute, zehn Jahre nach seinem Tod, 60 Jahre nach seiner ersten eigenen Kollektion 1958, verändert es einen, wenn man in ein YSL-Kostüm, ein Kleid oder schon nur einen Bleistiftrock steigt. Irgendwie streckt man sich, man wird stolzer, bekommt ein erhabenes Gefühl. Man kann sicher sein, angezogen zu wirken, ein Bewusstsein, das wahrlich nur ganz wenigen Kreationen innewohnt heutzutage. Und vielleicht gibt es eine ganz simple Erklärung, ein Zitat von Monsieur Laurent selbst: «Das schönste Kleidungsstück für eine Frau sind die Arme des Mannes, den sie liebt. Für die, die dieses Glück nicht haben, bin ich da.» Liebe genäht. Glücklich die, welche die Mode des Ausnahmetalents aus seiner aktiven Zeit besitzen, manchmal wird man in Luxus-Vintageshops fün- dig und entdeckt ein gut erhaltenes Teil. Ein Stück Selbstbestimmung zum Anziehen. Versuchen Sie’s.

PS: Unbedingt die Yves-Saint-Laurent-Museen in Paris und Marrakesch besuchen. Pierre Bergé, der seine grosse Liebe um 9 1⁄2 Jahre überlebte, hat es geschafft, das Lebenswerk Yves Mathieu-Saint-Laurents angemessen zu inszenieren. Unfair, dass er die Eröffnung in Marokko nicht mehr erleben durfte, er starb drei Wochen davor. Die Tragödie gibt nie auf.

www.museeyslparis.com

*Quelle: All about Yves von Catherine Örmen, ein wun- derschön aufwendig gestaltetes Buch, herausgegeben von der foundation Pierre Bergé Yves Saint Laurent. Verlag www.laurenceking.com

** Das Internationale Wollsekretariat IWS wurde 1937 mit Sitz in London gegründet, um den weltweit verstreuten Woll- produzenten die Möglichkeit zu geben, ihre Produkte ge- meinsam zu vermarkten und zu zerti zieren. Heute heisst die Vereinigung The Woolmark Company, gehört zur Australian Wool Innovation, unterhält lokale Büros auf der ganzen Welt und schreibt immer noch einen begehrten Mode- und Innova- tionspreis aus, den International Woolmark Prize.

*** Plakative Beispiele: Die YSL foulards. Die Swiss Textile Collection STC widmet in ihrem Schaulager in Murg derzeit eine Ausstellung den Entwürfen einer Mitarbeiterin aus dem Hause Abraham, die für Gustav Zumsteg arbeitete und über 1’000 foulards entwarf. 250 wunderbare Exponate, einge- rahmt von der Mode des Meisters aus dem Archiv der Hau- te-Couture-Sammlung der STC. Noch bis Ende März 2018, www.swisstextilecollection.ch

Geobald fragt

Nein, ein schöner Mann war er wahrlich nicht. Allerdings schaffte er es, vor allem mit seiner Frisur, die Herzen der jungen Mädchen zu gewinnen. Und zwar so überwältigend, dass das Filmstudio, bei dem er in einer Comparsenrolle kurz mit Yvonne de Carlo, die dem europäischen Publikum vor allem als Mutter aus der Fernsehserie „The Munsters“ bekannt ist, tanzte, mehrere tausend Fanbriefe bekam „an den schönen Jungen, der mit Yvonne de Carlo tanzte“.
Doch zurück zu dem Mann, der uns nicht nur als Maler bekannt wurde, sondern auch als Autor, vor allem aber als Film- und Fernsehschauspieler.
Er war Jude und sein richtiger Name war Bernhard Schwartz. Wollen wir ihn vorläufig Bernie nennen – so nannte er sich in seinen ersten Jahren im Film. Das klingt deutsch, war aber ungarisch. Denn seine Eltern, Emanuel Schwartz und Helen Klein kamen aus einem kleinen ungarischen Städtchen namens Mateszalka. Sein Vater war dort Schneider und wanderte in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in die USA aus, wo er erst in Manhattan, dann in der Bronx eine Schneiderei betrieb. Bernhard wuchs dort mit zwei Brüdern auf, wobei die Familie teilweise in den Arbeitsräumen der Schneiderei lebte. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr sprach er nur Jiddisch und Ungarisch. Ein fleissiger Schulgänger war er nicht, Kino und Broadway interessierten ihn mehr, sodass er wegen des andauernden Schwänzens um ein Haar von der Schule geworfen wurde.
Nach der Schulzeit und dem Militärdienst bei den Marines kehrte er als Versehrter aus dem zweiten Weltkrieg zurück und erhielt eine Versehrtenrente. Gleichzeitig begann er Schauspiel- und Sprechunterricht zu nehmen. Schliesslich kam es zu jenem Auftitt als Comparse, der sein ganzes weiteres Leben prägen sollte, denn kurz darauf nahmen ihn die Universal Studios von Hollywood unter Vertrag. Von diesem Moment an ging seine Schauspielkarriere steil bergauf.
Berühmt wurde er unter anderem auch durch seine Haartracht, eine mit viel Pomade behandelte Schmalztolle, die stilgebend für eine ganze Generation sein sollte. Unter anderem wurde sie von einem etwa 10 Jahre jüngeren Mann aus dem Städtchen Tupelo im Bundesstaat Missisippi kopiert, der einmal einer der berühmtesten Rocksänger des Landes werden sollte.
Da seine Schauspielverträge so abgefasst waren, dass er prozentuell an den Einspielergebnissen seiner Filme beteiligt war, und die Filme grossen Erfolg hatten, wurde er in kurzer Zeit zu einem reichen Mann.
1959 drehte er mit einem weiteren weltberühmten Schauspieler, vor allem aber einer jungen, blondierten Frau, die damals als eines der grössten Sexsymbole des Landes galt, den Film, der wohl sein berühmtester werden sollte und heute noch als eine der grossartigsten Komödien der Filmgeschichte gilt. Regisseur dieses Filmes war ein österreichischer Jude, der von den Nazis geflohen war und nicht nur zuletzt durch die vielen Oscars, die er erhielt, als der prominenteste österreichische Hollywood Regisseur, ja vielleicht als einer der berühmtesten überhaupt gilt.

Trotz seiner Erfolge blieb die Verleihung eines Oscars hingegen unserem Schauspieler versagt. Er wurde zwar einmal dafür vorgeschlagen, erhielt ihn aber nie.
Dafür gilt er als einer der Brückenbauer zwischen Kinofilm und Fernsehen, da er 1970 – inzwischen begann sein Stern als Filmschauspieler bereits zu sinken – eine Rolle einer Fernsehserie annahm, in der er gemeinsam als reicher amerikanischer Playboy mit einem extravaganten englischen Lord Kriminalfälle löst. Sein Filmpartner wurde vor allem in anderen Filmen in der Rolle eines britischen Geheimagenten berühmt, der mehrmals die Welt vor Superschurken rettet.
Unser Schauspieler, Bernie, konnte sich auch jede Menge Eskapaden leisten – Alkohol, Drogen, Scheidungsprobleme, Sorgerechtsstreite, ja, selbst eine fragliche Kindesentführung – nichts konnte seinen Ruf zerstören, im Gegenteil, es machte ihn noch populärer. Allein die Ankunft am Londoner Flughafen Heathrow, bei der unter anderem in seinem Gepäck Marihuana gefunden wurden, steigerte seine mediale Popularität ungemein. Auch seine Strafe konnte ihn nicht sonderlich beeindrucken: er wurde zur Zahlung von 50 Pfund Sterling verurteilt.
Seine Popularität bewirkte, dass er finanziell ausgesorgt, sich auch Auftritte in drittklassiken Produktionen und sogar in Werbefilmen leisten konnte. Damit unterstützte er den Tourismus im Herkunfstland seiner Eltern, Ungarn, spendete aber auch reichlich zur Pflege und zum Wiederaufbau jüdischer Friedhöfe und Synagogen, zu Holocaust-Mahnmalen, aber auch für Kinderheime oder für einen Gnadenhof für ausgesetzte oder misshandelte Pferde oder Maultiere.
Im Alter konzentrierte er sich gänzlich auf die Malerei und hatte auch da Erfolge: Seine Bilder, auf zahlreichen Ausstellungen präsent, werden heute mit Preisen bis zu 100,000 Dollar gehandelt.

Er war mehrmals verheiratet und hatte vier Töchter und zwei Söhne.
Bernie starb 2010. Er liegt auf dem Friedhof Palm Memorial Park in Las Vegas begraben.
Nach seinem Tod tauchte sein Name nochmals gross in der Regenbogenpresse auf, da er für sein gigantisches Vermögen von geschätzten 60 Millionen Dollar seine letzte Frau als Alleinerbin eingesetzt hatte, was von seinen Kindern (sein erster Sohn Nicolas war 22-jährig an Rauschgift gestorben) heftigst aber erfolglos bekämpft wurde.

1. Unter welchem Künstlernamen ist uns dieser Maler und Schauspieler bekannt?
2. Wie hiess sein wohl berühmtester Film?
3. Und wie die blonde Schauspielerin?
4. Wer war der österreichisch-amerikanische Regisseur?
5. Wer war sein Serienpartner 1970?
6. Von welchem Meisterspion ist die Rede?
7. Und wer war der Rocksänger, der seine Frisur kopierte?

 

 

 

 

 

 

Auflösung: 1. Tony Curtis, 2. Manche mögens heiss, 3. Marylin Monroe, 4. Billy Wilder, 5. Roger Moore, 6. James Bond, 7. Elvis Presley

SCHWARZ ODER WEISS!

JENSEITS DER STILLE. EIN SELBSTVERSUCH.

„Ich weiss überhaupt nicht, wieso ich mein wunderschönes Heim mit so einem egoistischen Wesen teile, das nicht das mindeste Verständnis für mein Leben aufbringt und mir mit seiner Arroganz mein Leben vergällt“, schleuderte mir mein Dosenöffner mit Zornesröte im Gesicht entgegen. „Für dich ist etwas entweder gut oder schlecht, wertvoll oder wertlos, schön oder hässlich, schwarz oder weiss. In deinen Augen hat jemand entweder einen athletischen Körperbau oder er sieht aus wie ein Pudding, es gibt keinen zweiten oder dritten Platz, sondern nur einen ersten und letzten. Das Wort Mittelmass oder Durchschnitt kommt dir nur über die Lippen, wenn du über jemanden anderen sprichst, denn für dich besteht die Welt aus Extremen, ohne Grautöne oder Farben.“

Ich empfand Unverständnis! Schon Wochen vorher tat er sehr geheimnisvoll und sprach in Rätseln. Seine Geheimniskrämerei war so offensichtlich, dass es schier nach Katastrophe roch. Sein Verhalten hatte bei mir ein Panikorchester aufspielen lassen, das mir in den schrillsten Tönen die nahende Katastrophe ausmalte. Was hatte das zu bedeuten? Was hatte er vor? Und dann war der Enthüllungsmoment offensichtlich gekommen. „Sag schon, was meinst du“, stammelte er wie ein aufgeregtes Kleinkind. Ich hab mir wirklich viele Gedanken gemacht, um das Richtige für die Optimierung unserer Work-Life-Balance zu finden! Wie gefällt dir unser heuriges Ferienziel? Nur Stille, Spiritualität und neue Impulse. Keine Verpflichtung und kein stressiges Sightseeing-Programm. Ich war fassungslos. Er wollte uns hinter Klostermauern einkerkern, womöglich noch inklusive Fasten-, Selbstfindungs- und Yogakurs. Kurz liess ich animalisch meine Krallen blitzen, konnte diese aber, unseren Seidentapeten zuliebe, mit viel Mühe wieder unter Kontrolle bringen.
Ich rang um Fassung, liess mir aber nichts anmerken. Langsam drehte ich ihm den Rücken zu und ging in Zeitlupentempo, mit hängenden Schultern und schleifendem Gang aus dem Zimmer. Auf der Schwelle sagte ich mit Grabesstimme: „Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass ich meinen wohlverdienten Urlaub, deiner schon jetzt gescheiterten Selbstfindungsphantasie wegen, in einem Schweigekloster verbringe!“ Ich werde sicher nicht in einer kargen Zelle nächtigen und mir anhören, wie du in der Nacht die eingschmuggelten Kekse verschlingst. Schliesslich hat man doch gewisse Ansprüche. Ausserdem wirst du sowieso nicht durchhalten. Ich buche jetzt einen Urlaub, der meinem Niveau und meiner gesellschaftlichen Stellung auf diesem Planeten entspricht. Ich schreibe dir auch gerne eine Ansichtskarte, wenn du mir die Adresse deiner Pritsche verrätst!“ Dann schloss ich leise die Türe von aussen und genoss die verblüffte Stille. Der anschliessende Schreianfall, dessen ungefährer Wortlaut am Anfang dieses Textes angeführt ist, konnte man drei Gassen weiter noch hören und konnte erst nach raschem Eintreffen des Notarztes, mittels einer Beruhigungsspritze und der anschliessenden Verabreichnung eines doppelten Whiskeys unter Kontrolle gebracht werden. „Mensch Junge, reiss dich zusammen, du machst hier Stress, dass ich grosse Lust hätte wirklich hinter Klostermauern einzuchecken, nur um diesem Lärm zu entgehen! Das ganze Leben ist eine Pilgerreise“, fuhr ich fort ihn zu überzeugen, während er wimmernd weinte und ich ihn in meinen Armen wiegte, wie ein Kind, das einfach nicht verstehen will. „Es gibt nicht nur Schwarz und Weiss, das wirkliche Leben ist bunt wie wir!“

 

 

 

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