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Call Me Adam

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Das Leben bedeutet ständige Veränderung!

Mein Dosenöffner Adam und ich kennen uns nun auch schon ein paar Jährchen, sind gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen und mittlerweile hat er sich wohl daran gewöhnt, dass ich die Oberhand bzw. das Sagen habe. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass er ohne mich aufgeschmissen wäre. Seit 10 Jahren leben wir in unserer schicken Upperclass- Villa, treiben Sport, ernähren uns gesund, von ein paar Exzessen abgesehen, und geniessen das Leben in vollen Zügen. Eigentlich ist mein Leben perfekt.

Es ist Samstagnachmittag, der Frühling bringt die Natur gerade zum Explodieren und ich sitze mit einem gepflegten Espresso Macchiato und einer Cremeschnitte aus der Lieblingskonditorei auf der Terrasse und blicke verträumt in unseren stylischen Garten. Zwischen gepflegten Rabatten, dem perfektesten englischen Rasen, der in unseren Breitengraden möglich ist, akkurat getrimmten Hecken und uraltem Baumbestand, dem Pool und der Heaven-Swing bleibt für Gartenliebhaber wirklich kein Wunsch offen. Möchte man glauben, denn irgendwie hat sich eine sanfte Schwermut oder Sentimentalität wie ein dunkles Tuch über mein Gemüt gelegt.
Rundherum die üppig wachsende Vegetation und mittendrin ich, ein Kater mittleren Alters, der faul auf der Terrasse flätzt und den Sinn des momentanen Lebensabschnitts zu ergründen versucht.

Mein Blick schweift in die Tiefe des grünen Paradieses, dort wo Schatten die Sonnenstrahlen schlucken und sich eine Unschärfe im Zwielicht breit gemacht hat.
Fast nicht erkennbar tritt die gewaltige Steinmauer, die unser Paradies vor neugierigen Blicken und bösen Buben schützt, in mein Bewusstsein. Ich konzentriere mich, von Zeit zu Zeit sehe ich die rote Diode der Alarmanlage aufleuchten, die mir zeigt, dass alles in Ordnung ist. 
In Ordnung? Ist es das wirklich? Welche Unruhe, was für ein Bitterton hat sich da unerwartet in mein Leben geschlichen.
Mein Schwanz schlägt unruhig auf die Mahagoni-Terrassenbretter. Die Spannung ist schier unerträglich, meine sensible Nase nimmt einen ihr fremden, Duft wahr. Die Nackenhaare sträuben sich spontan.
Wie ein Tiger im Käfig schleiche ich, angespannt wie ein Bogen, auf der Terrasse hin und her und blicke mich nach imaginären Feinden um. Kein Vogelgezwitscher zu hören, nur weit entferntes Donnern kündigt ein Frühlingsgewitter an – ansonsten Stille. Ich wähne mich im Auge des Tornados.

Plötzlich höre ich einen gequälten, langgezogenen Schrei. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich realisiere, dass er aus meiner eigenen Kehle entwichen ist!

Mein Körper reagiert, ein Satz und ich bin im Garten, schleiche wie eine Raubkatze an Luxusschaukel und Blutbuche vorbei in die weiten Tiefen des Gartens, bis ich die Ziegelmauer erreiche. Was ist nur mit mir, was lässt mich Dinge tun und fühlen, die mich dermassen beunruhigen.
Ein Satz und ich bin auf der Mauer, lächle in mich hinein. Na das funktioniert jedenfalls noch ganz gut. Ich schüttle mich, setze mich majestätisch und beginne hingebungsvoll, mein Fell zu lecken.
Plötzlich registrieren meine Augen eine Bewegung in dem tiefsatten Grün jenseits der Mauer. Ich erstarre, meine Ohren spitzen sich, ich suche konzentriert die Wildnis ab und blicke plötzlich in zwei riesige, wunderschöne Katzenaugen.

Die Wildnis ruft! Ist das die Antwort auf meine Nervosität und dieses unsäglich miese Gefühl von Langeweile und Unerfülltheit. Kurz tritt die Schöne aus dem Zwielicht, blinzelt mir verführerisch zu und ist auch schon wieder verschwunden.
Ich bin baff. Wie kann mich der Anblick einer, zugegebenermassen sehr attraktiven, Kätzin nur so aus der Bahn werfen?
Mein innerer Kampf zerreisst mich fast, als ich sie rufen höre – Miaooouuuu!!!

Was nun? Soll ich mein bequemes Leben mit meinem Dosenöffner, Luxus-Lieferservice, gepflegten Urlauben und weichen Betten aufgeben?
Ich überlege kurz – aber was ist mit meiner Arbeit, die immer meine Erfüllung war? Die Zeiten sind schwierig, was wird aus all dem hart erarbeiteten, wenn ich mich nicht kümmere und was wird aus Adam?
Miaooouuuu!!!

Wer weiss, was die Zukunft für uns bringt. Arbeit gibt es überall und ein paar Tage wird Adam auch ohne mich aushalten.

Miaooouuuu!!!
Und weg bin ich!

Copyright Illustration: Manuela Dona

DJ David Puentez ist nicht nur ein Name, sondern ein Erlebnis. Mit seinen elektrisierenden Beats und unverwechselbaren Sounds bringt er die grössten Clubs, Festivals und Bühnen zum Beben – Seine Musik ist eine Einladung, den Alltag hinter sich zu lassen und in eine Welt voller Energie und Euphorie einzutauchen.

Egal, ob man auf der Tanzfläche steht oder seine Tracks streamt, David Puentez sorgt dafür, dass du den Vibe und Rhythmus spürst. Ben Beyer alias DJ David Puentez spricht mit der Herausgeberin 
Sabrina Kaiser-Kossmayr im traditionsträchtigen Park Hyatt Vienna im pulsierenden Ambiente in der Barlounge bei einem kühlen Glas Champagner über kreative Freiheit, die Zusammenarbeit mit Marken und warum er auch mal auf Bezahlung verzichtet.

Wenn du den «Sound deines Lebens» schreiben müsstest, wie würde er klingen?
Es wäre ein Sound, der dich in den Moment zieht und glücklich macht. Er zaubert dir ein Lächeln ins Gesicht, auch wenn es dir mal nicht gut geht. Für mich ist Musik eine Möglichkeit, Menschen in eine bessere Stimmung zu versetzen und sie für ein paar Minuten den Alltag vergessen zu lassen. Und das gilt zuerst für mich selbst.

War Musik schon immer so wichtig in deinem Leben?
Musik war in meiner Familie und damit meiner Kindheit immer präsent – wobei jedoch in zwei Extremen (lacht). Mein Vater hat Schlager und Volksmusik gehört, meine Mutter Technosongs von Sven Väth. Doch sich dazwischen zu entscheiden, fiel mir nicht schwer und meine Mutter hat sich gefreut. Aber ich habe auch schnell gemerkt, dass ich wirklich angefixt war. Ich erinnere mich gut daran, wie sie sagte: «Wenn du wirklich deine Tage in Tourbussen, Flugzeugen und immer an anderen Orten verbringen magst, dann mach es.» Sie hat mich seit jungen Jahren in meinen musikalischen Ambitionen unterstützt.

Wie sahen diese Ambitionen in der Umsetzung aus?
Ich habe den alten Plattenspieler meiner Oma vom Dachboden geholt, einen CD-Player und ein einfaches Mischpult besorgt und in meinem Jugendzimmer begonnen, Übergänge zu üben.

Wie darf man sich das vorstellen?
Der CD-Player hatte nur eine Stop- und eine Playtaste; und der Plattenspieler seine eigene Dynamik in Sachen Tempo. 10 Schallplatten also auf der einen Seite, 10 selbstgebrannte CDs auf der anderen Seite und ich habe versucht, das Tempo des CD-Players zu erahnen und entsprechend den Plattenspieler anzupassen. Abends gegen acht bin ich täglich in meine eigene kleine Welt abgetaucht.

Hattest du musikalische Vorbilder?
Daft Punk, ganz klar. Ein Track wie «One More Time» hat selbst nach Jahrzehnten nichts an Aktualität und Beliebtheit verloren. Und das ist die hohe Kunst in unserer Branche, etwas Bleibendes zu schaffen.

Gab es Momente, in denen dein Traum, Musik zu machen, auf der Kippe stand
Ja, während Corona war es hart. Keine Shows, keine Bühnen – der Job lebt davon, dass Menschen zusammenkommen, feiern und Spass haben. Das war plötzlich weg. Natürlich habe ich überlegt, was ich machen würde, wenn das länger so bleibt. Social Media hat mir geholfen, einen neuen Weg zu finden und meine Community auszubauen. Es hat mir gezeigt, dass man auch in schwierigen Zeiten kreativ, vor allem aber in Verbindung bleiben muss. Dazu hat es mir bewusst gemacht, wie schnell und wie einschneidend etwas von aussen, dass du selbst nicht beeinflussen kannst, deinen Beruf sabotieren kann.

Hat dich das in deiner Karriere und vielleicht auch als Person verändert?
Absolut. Ich habe erneut gelernt, optimistisch zu bleiben, auch wenn es nicht immer leicht ist. Und ich habe verstanden, dass Stillstand keine Option ist – man muss sich ständig neu erfinden, besonders in kreativen Berufen. Als Musiker arbeitest du immer im Moment, und es gibt nicht die klassische Karriereleiter wie zum Beispiel in einem Konzern. Du bist ständig in dem Zwiespalt: «Es braucht eine radikale Veränderung» versus «Aber es läuft ja ganz gut». Corona hat hier die Handbremse gezogen, und das hat mir persönlich sehr gutgetan.

«Erneut gelernt» klingt so, als wenn es nicht immer einfach war …
Ich bin ein Scheidungskind und das war nicht immer einfach. Aber unter dem Strich bin ich unbeschadet rausgekommen. Mir war immer bewusst, dass es anderen viel schlechter geht. Dennoch ist es herausfordernd, wenn Trennungen auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. Das prägt einen jungen Menschen.

Wie haben diese Erfahrungen dein Leben, vor allem deine Beziehung geprägt?
Ich lebe eine andere Ehe und bin sehr eng mit meiner Frau verbandelt, was jedoch nicht bedeutet, ständig aufeinander zu sitzen. Ich geniesse auch gerne Zeit mit Freunden. Daher trifft man mich auch weniger auf der Party. Ich schätze eher das ruhige Abendessen und ein Glas Rotwein.

Stimmt es, dass ihr ohne Freunde – also zu zweit – und in Jeans geheiratet habt?
Ja, das stimmt. Und es war die beste Entscheidung. Hochzeiten sind für das Brautpaar selbst purer Stress, den haben wir uns erspart. Sicher gab es auch familiäre und freundschaftliche Kritik und wir haben immer gesagt, dass noch eine Party folgen wird. Jetzt hatten wir 10-Jähriges und haben wieder allein gefeiert … und das war grossartig. Sind wir doch beide in unseren jeweiligen Berufen stark eingebunden. Louisa als Influencerin und mit ihrem Interior-Label «Within Mood», ich als Produzent, DJ und gute Laune-Verbreiter auf Instagram.

Du wirst nun dieses Jahr vierzig …
Danke für die Erinnerung (lacht).

Gerne. Aber du sprachst das mit dem Neuerfinden eben an. Wie wichtig ist es, als Künstler und Kreativer in Bewegung zu bleiben?
Wichtig, ich habe mit dem Auflegen während meiner Berufsbildung begonnen. Also unter der Woche Gross- und Aussenhandel, am Wochenende ein Mischpult. Doch danach gab es immer wieder Stagnation und das nervt. Es lief immer irgendwie, das war okay. Aber eben auch irgendwie nicht. Du willst schliesslich immer mehr erreichen. Jeder möchte einmal auf die grosse Bühne: Las Vegas, Shanghai …

Wirklich?
Klar. Du machst diesen Job auch, um irgendwann tausende Menschen auf einmal zu begeistern. Und das am besten auf der ganzen Welt.

In Köln hast du zum Auftakt der Tournee im Palladium gespielt, da waren fast 4’000 Menschen …
Ja, es war unglaublich. Als der Vorhang fiel und ich die Menschen gesehen habe, brauchte ich ein paar Sekunden, um das zu realisieren. Da war eine Mauer aus Emotionen, aus Gefühlen … das war definitiv herausfordernd und auf der anderen Seite einfach unfassbar geil. Zumal eben auch in meiner alten und sehr liebgewonnenen Heimat Köln.

Aber es gab auch kleinere Auftritte während der Tour. Stichwort Pizza.
Stimmt, wir haben in der Pizzeria einer Freundin in Hamburg einen kleinen Gig um die Mittagszeit gegeben. Neben uns der heisse Pizzaofen, dazu 50 Fans im Ladenlokal und 600 vor der Tür. Sehr wild, aber unvergesslich.

Weil wir eben vom Ausland sprachen, euer grösster Markt ist Deutschland?
Auf jeden Fall. Ich würde sagen, 80, wenn nicht 90 Prozent unseres Marktes findet sich im deutschsprachigen Umfeld, also auch in Österreich und der Schweiz. Das zeigt sich auch bei den Followern auf Instagram. Deutschland gehört weltweit zu den vier wichtigsten Märkten, geht es um Musik. Hier so erfolgreich zu sein, ist daher natürlich nicht nur für mich, sondern für alle im Team ein riesiger Erfolg.

Wie gross ist dein Team?
Ich würde schätzen rund 35 Menschen.

Und die stehen alle auf deiner Payroll?
Nein, um Gottes Willen. Da sind auch alle mit eingerechnet, die bei unserer Bookingagentur, beim Musiklabel und 
anderen Unternehmen angestellt, aber mitverantwortlich für das Projekt «David Puentez» sind.

Stichwort Projekt. Wie entstehen neue Songs?
Das ist Teamarbeit. Wir veranstalten dazu sogenannte «Writing Camps», laden also Sänger, Sängerinnen, Produzenten und Songwriter ein. Meistens treffen wir uns in Berlin. Zum Auftakt legen wir ein Thema fest, meistens etwas aus meinem persönlichen Leben oder etwas, was mich gerade zutiefst beschäftigt. Und damit geht dann jeder schwanger. Erstes Ziel ist es, einen Vibe zu finden. Erste Worte, einen Reim, Textblöcke, aber auch schon eine Art Melodie. Ich selbst höre dabei hier mal 30 Minuten rein und diskutiere dort eine halbe Stunde mit jemand anderem. Die Produktion erfolgt dann wirklich erst am Schluss. Und wirft dann noch einmal alles über den Haufen.

Ist dieses Vorgehen Standard in der Branche?
Auf jeden Fall, auch ein David Guetta macht es nicht anders. Final hast du vielleicht nach einem solchen Camp bis zu 500 Songs oder Songteile, aber nur vier, fünf sind wirklich gut. Die werden produziert.

Wie kommen Kooperationen wie in deinem Fall zum Beispiel mit der rumänischen Künstlerin Inna zustande?
Nicht immer passen die Vocals aus dem «Writing Camp» final zum Song. In diesem Fall nimmt mein Management Kontakt zum Management einer Sängerin, eines Sängers auf. Die wichtigste Frage ist dann an die Künstlerin, den Künstler: Fühlst du den Song?

Und, wie oft kommt dann ein «Ja»?
Nicht oft. Aber lieber ein ehrliches Nein, als ein halbherziges Ja.

Ohne noch einmal dein Alter anzusprechen: Aber zu Beginn hast du noch mit Schaltplatten aufgelegt. Was hat sich hier verändert?
Früher habe ich Vinyl aufgelegt und mein Keller ist immer noch voll davon. Aber inzwischen bin ich auf USB-Sticks umgestiegen. Alles, was ich für meine Shows brauche, ist darauf: Meine Setlisten und die Songs sind nach Themen und Stimmungen sortiert. Das ist beim Reisen unschlagbar. Aber sicher erinnere ich mich gut an die Zeiten, in denen ich mit schweren Plattenkoffern gereist bin.

Aber ein USB-Stick ist klein und kann verlorengehen …
Daher haben meine Teammitglieder immer ein Backup dabei.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf Instagram zu sprechen; hier geht es dir ja auch darum, den Menschen gute Laune zu vermitteln.
Es war nie mein Ziel, Instagram zur Werbung zu nutzen. Ich mag überraschen, lustig sein und wenn wir dann mal eine Kooperation mit einer Marke machen, geht es auch zuerst darum, authentische und humorvolle Inhalte zu posten. Wir haben auch schon Videos gedreht, die so von einer Marke nicht abgenommen worden sind, weil wir eben nicht einfach ein Produkt in die Kamera halten.

Und dann …
Wird das Video nicht veröffentlicht. Wir erhalten keine Bezahlung, aber das ist es mir wert. Oft kommen die Unternehmen ein paar Wochen später auf uns zu und wir publizieren das Gedrehte doch.

Ich erinnere mich an eine Werbung von Lancôme. Die war schon sehr «out of the box». Ich sag nur Rentierslip …
(lacht) Oh ja, und was soll ich sagen. Wir haben das Video gedreht, dem Unternehmen gesendet und es ist sofort durchgewunken worden. Mittlerweile wurde es rund 12’600 Mal gelikt. Und viele Influencer wollen immer noch wissen, wie wir das durchgewunken bekommen haben.

Deine Antwort?
Werbung muss gut sein. Und gute Werbung ist ironisch, hat Witz und es geht um die Werbung als solche und weniger um das Produkt. Das ist wie bei einem guten Song. Du musst kein Fan der Band sein, aber wenn der Song dir gefällt, er dich auf irgendeine Art berührt, dann hast du es richtig gemacht.

David Puentez gehört zur internationalen Spitze der Musikszene. Mit über 400 Millionen Streams und der Gold-ausgezeichneten Hitsingle «Superstar» hat der DJ und Produzent weltweite Erfolge gefeiert. Seine Remixe für Stars wie Post Malone, Tiesto und Rita Ora sowie Chartplatzierungen, darunter mehrfach Platz 1 der iTunes-Charts und Spitzenpositionen in den Shazam Top 200, zeichnen ihn aus. Aktuell begeistert er mit der Single «I Want You», die in Zusammenarbeit mit Bonn entstand, sowie der Kollaboration «The Love» mit INNA. Auch auf Social Media überzeugt der 39-jährige: Rund 340’000 Fans folgen ihm für seine Musik und positiven 
Vibes. Er lebt mit seiner Frau Louisa in Hamburg.

Photos Copyrights: © David Puentez / Universal Music

Der beste Italiener ausserhalb Italiens.

«Ich bin der beste italienische Koch ausserhalb Italiens», dröhnt es aus dem Fernseher. «Kitchen Impossible-Time». Wieder einmal hat der Fernsehkoch und Landesrüpel Tim Mälzer seinen ewig gleichen Spruch, hämisch grinsend angebracht und nun geht ‚ s an die Challenge.

Möge die Übung gelingen, denke ich mir, und schliesse die Augen. Dieser kleine Satz hat genügt, um meine Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen. Ich verlasse die laute Enge der Stadt, überquere den San Bernadino. Allmählich öffnet sich die Landschaft, wird flacher – ich fliege dem Meer entgegen.
Alles ist hier üppig, quasi ausserhalb der Norm. «Profumo! Amore!» Diese Düfte, diese  Aromen von Sonne, Meer, Fisch, Espresso, von Liebe liegen in der Luft. Überall geschäftiges Treiben, Geplauder, Geschrei von Kindern, eine Signora stöckelt mit einem Blumenstrauss im Arm über die Piazza. «Ragazzi» lungern auf ihren Vespas. Die Burschen albern herum und sind unbeschwert  jung. Niemand kann so verächtlich eine Zigarette ausdrücken, wie ein Italiener in knallengen Jeans und Designer-Sonnenbrille vor der «Bar
Centrale».

Drrrrrrr!!!! Die Türklingel!
Unsanft werde ich aus meinem Traum gerissen. Eine Weinlieferung aus der Toskana. Die kommt mir gerade recht. Ob Sie es glauben oder nicht – in meinen Adern fliesst italienisches Blut! Ich bin quasi Italiener! «Certo»! Und ich bin stolz auf jedes klitzekleine Molekül davon. So wunderbare Stunden habe ich in Italien verbracht – «meraviglioso». Ich bin der beste Italiener ausserhalb Italiens. Schon wieder überkommt mich die Sehnsucht nach dem Land von Sophia Loren und Marcello Mastroianni.
Ich werde Adam heute Abend vorschlagen, dass wir uns einen italienischen Abend gönnen, um das Heimweh abzulegen. Mit selbstgemachter Pasta, mit Prosecco, einem schönen «Antinori» aus der Toskana, Tiramisu oder Canoli mit Pistaziencremefüllung.

… und schon fahre ich in Gedanken in meinem babyblauen Cabrio, auf einem kleinen Strässchen, durch die traumhafte, hügelige Landschaft der Toskana. Weinreben soweit das Auge reicht, Strohballen, Zypressen, Bogainvillea, kleine malerische Orte mit winzigen Steinhäusern und einer Bar. Am Horizont ein burgähnliches Gebäude. Irgendwo bellt ein Hund.

Drrrrrrr!!!! Die Türklingel!
Wieder werde ich grob aus meinen Träumen gerissen. Eine Salumi-Lieferung aus Kalabrien und gleich mitbestellt Olivenöl «Extravergine» von einer kleinen  «Fattoria» in der Basilikata.
Das Paket duftet herrlich nach «Prosciutto, Soppressata, Capocollo» und «Salsiccia, fatto in casa», hausgemacht. Ihr »Macellai» Italiens, ich vergöttere euer Handwerk. Ich reisse das Paket auf, sauge gierig dessen Duft ein und bin augenblicklich in dem kleinen Landgasthaus mit dem Wasserrad. Vor lauter Blumen und Terracottatöpfen ist der Eingang kaum zu sehen und eine hübsche gestreifte Markise schützt die Terrasse vor der unerbittlichen Sonne. Es ist viel zu heiss, um zu essen, aber eine  Antipastiplatte wird aufgetragen. Die Kellnerin lächelt verschmitzt, als wir entsetzt die Mengen des «Primo» kommentieren. Unermüdlich gluckert das kristallklare Wasser des Bachs, der durch den Gastgarten fliesst, während wir uns durch die Trüffelpasta und das «Tagliata di Manzo« mit Grana kämpfen. Jetzt ein Grappa! Aus der Küche dringt geschäftiges Geklapper.

Drrrrrrr!!!! Die Türklingel!
Barbarisch werde ich aus meinen Traum gerissen. An der Türe unserer Upperclass-Villa übernehme ich eine Lieferung «Mozarella di Buffalo» und Zitronen, direkt aus Neapel.
Der intensive Duft der Zitronengärten an der Amalfiküste dringt in meine überaus sensiblen Riechorgane, setzt sich in meinen Gedanken fest und verbreitet augenblicklich ein Wohlgefühl. Kindlich sanft streichle ich die Zitronen. Mit Andacht geniesse ich gedanklich ein «Caprese», dessen käsig, sahniger Duft der «Burrata» mit Basilikumöl und sonnenreifen «Pomodori» alle Geschmacksknospen mobilisiert.
Auf meiner Zunge schmilzt ein intensives, eiskaltes »Granito di Limone», gekauft bei der roten Ape am Strassenrand. «Buonissimo! Arrivederci!»
Auf den Stufen von Positano geniesse ich dann einen Pistazien-«Affogato» mit Blick auf die Boote, die bunten Strandliegen und Sonnenschirme. Ich habe Sand zwischen meinen Zehen und »Cocco
bello»-Rufe in meinen Lauschern.

Drrrrrrr!!!! Die Türklingel!
Ich höre mich seufzen.

Als an diesem Tag Adam von der Arbeit heimkommt, findet er eine Nachricht in der verwaisten Wohnung. Ciao bello! Du findest mich irgendwo in Italien, die Route steht noch nicht fest, aber es wird herrlich sein!

Das Leben ist schön – La vita é bella!

Copyright Illustration: Manuela Dona

Popstar Jack Savoretti sucht nach dem Tod seines Vaters auf dem Album «Miss Italia» seine italienischen Wurzeln.

Die meisten Menschen träumen in ihrer Muttersprache, aber bei Ihnen ist es weder Englisch noch Deutsch oder Polnisch, sondern Italienisch …

Das ist erst so, seitdem ich dieses Album gemacht habe. «Come Posso Racontare», in dem ich davon singe, ist das einzige Lied, das ich bereits geschrieben hatte, als mein Vater gestorben ist. Seine Reaktion gab mir das Vertrauen, nach seinem Tod «Miss Italia» zu machen. Diese existenzielle Erfahrung brachte mich dazu, mich ganz generell mehr mit meinen italienischen Wurzeln zu beschäftigen.

Wie ist «Come Posso Racontare» entstanden?

Ich glaube, in diesem Fall war es eine Art Vorahnung. Wobei ich solche Songs schrecklich finde. Du schreibst ein Trennungslied und zwei Monate später passiert es wirklich. Innerlich weisst du eben viel mehr, als dir bewusst ist. Unsere Sinne stumpfen ab, weil wir so viel Ablenkung haben. Unsere Intuition könnte uns mehr sagen. Ich hatte vorher schon mehr über Italien zu träumen begonnen, und dann hat dieses katastrophale Ereignis meine Neugier auf mein Vaterland explodieren lassen.

Weshalb nicht früher?

Vorher war meine Beziehung zu Italien durch meinen Vater definiert. Als dieser Anker weg war, musste ich herausfinden, was mich sonst noch mit dieser Kultur verband. Ich beantragte sogar den italienischen Pass. Zwei Monate nach der Fertigstellung dieses Albums bekam ich ihn per Post. Ein seltsamer Moment, da ich früher nie in Erwägung gezogen hatte, auch noch Italiener zu werden.

Fühlten Sie sich mit dem Tessin enger verbunden?

Nun, ich habe nie in Italien gelebt, während Carona, oberhalb des Luganer Sees, mein Zuhause war und später der Ort, wo sich unsere Familie getroffen hat. Nur meine Sommerferien habe ich immer bei den Grosseltern in Ligurien verbracht.

Wie reagierten Ihre Eltern auf Ihre musikalische Karriere?

Meine Mutter hatte mir meine erste Gitarre geschenkt und mein Vater war der Erste, der meine Songs kritisierte. Er brachte mir bei, das nicht persönlich zu nehmen, sondern professionell. Das ist sehr wichtig in dieser Branche, wo du viele schreckliche Dinge über dich liest. Dagegen liebt meine Mutter alles, was ich tue. Ich könnte mich übergeben und sie hielte mich für ein Genie. (lacht) Sie ist in dieser Hinsicht die perfekte jüdische Mutter!

Wie gehen Sie damit um, falls das Album in Italien nicht nur positiv aufgenommen wird? Immerhin sind es sehr persönliche Songs.

Ich hoffe, dass es auch Kritik ernten wird! Sonst wäre es flach. Ich bin auch nicht so vermessen, mich für einen grossartigen italienischen Songschreiber zu halten. Ich hoffe einfach, dass die Leute neugierig sind und sich ihre eigene Meinung bilden.

Sie haben mit Zucchero eine neue Version von «Senza Una Donna» aufgenommen, das schon in seiner Version mit Paul Young ein Hit war. Ein PR-Schachzug?

Das Duett hat sicher geholfen, um Werbung für das Album zu machen, aber es war nicht meine Idee. Nachdem ich Zucchero für einen englischen Radiosender interviewt hatte und wir uns sehr gut verstanden hatten, rief er mich an, als er in London drei Konzerte gab. «Wollen wir eine Single zum 30-jährigen Jubiläum von «Senza Una Donna» machen und den Song nachher in der Royal Albert Hall singen?»

Kannten Sie das Lied überhaupt?

Klar, «Senza Una Donna» weckt bei mir schöne Kindheitserinnerungen. Es war ein Lieblingslied meiner Mutter. Sie liess es immer laut laufen, wenn sie mich mit dem Auto in die Schule brachte. Durch seine Zweisprachigkeit wird es helfen, meine britischen Fans zu den rein italienischen Songs hinzuführen.

Woher kommt der Titel des sommerhitverdächtig groovenden «Bada Bing, Bada Boom»?

Im Englischen ist das ein Ausdruck, den man einsetzt, um zu sagen: «Das ist es! Wir haben es geschafft.» Wie «Supercalifragilisticexpialidocious» bei Mary Poppins. Die Wendung fiel mir ein, als ich mit Co-Songwriter Miles Kane, dem grossartigen Gitarristen von The Last Shadow Puppets, nach einem Refrain suchte.

Sie spielten in Ihrer Jugend beim FC Lugano. Wären Sie lieber Profifussballer als Popstar geworden?

Fussball war schon immer meine Leidenschaft, aber mit 13 oder 14 hörte ich auf, als aus dem Spiel Ernst wurde. Andere Dinge waren mir wichtiger, wobei die Musik erst später kam. Fussballfan bin ich trotzdem geblieben, für den FC Genua und Italien – sogar bei einem Spiel gegen England. Ich freue mich schon auf die Euro!

Welche Gedanken haben Sie sich anlässlich Ihres 40. Geburtstags gemacht?  

Ich denke, mit dem Älterwerden verändern sich deine Werte, deine Verantwortlichkeiten. Du versuchst mehr, dich und die Menschen, die du liebst, glücklich zu machen, und schaust weniger auf andere. Deshalb ist «Miss Italia» eines der wichtigsten Alben, die ich je gemacht habe. Für mich.

Biografie

Jack Savoretti wurde am 10. Oktober 1983 als Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschpolnischen Mutter in London geboren. Nach seiner Jugend im Tessin kehrte er nach England zurück, wo er 2006 seine erste Single veröffentlichte. Der Durchbruch gelang ihm 2015 mit dem vierten Album «WRITTEN IN SCARS» und dem Hit «Home», die letzten beiden «Singing To Strangers» und «Europiana» erreichten sogar Platz eins. Die Lieder auf «Miss Italia» hat er erstmals auf Italienisch geschrieben. Savoretti ist mit der Schauspielerin Jemma Powell verheiratet, hat drei Kinder und lebt in England.

Photos Copyrights: Jack Savoretti, Chris Floyd

Wo steckt eigentlich die Hoffnung?

Fast unbemerkt hat in unserer luxuriösen Vorstadtvilla eine kleine, aber feine Depression Einzug gehalten. So wie das miese Wetter der letzten Wochen kroch sie langsam die Wände hoch und setzte sich in den Ecken fest. In einer Zeit des, mitten in Europa so deutlich vor Augen geführten Krieges, einer gerade überstandenen Pandemie, der sich bereits ankündigenden nächsten Wirtschafts- und Bankenkrise – wen wundert es, wenn die mentale Gesundheit etwas auf Slow-Motion surrt?

Der erste Schritt, ein Problem zu beheben, ist, es zu erkennen! Wir brauchen etwas Schwung in der Bude, also kremple ich die Ärmel meines Ralph Lauren-Hemdes hoch und warte auf eine zündende Eingebung! Als Adam, mein Dosenöffner und Mitbewohner, Stunden später von der Arbeit heimkommt, stehe ich immer noch und versuche meine Gedanken zu ordnen. Mittlerweile hat sich eine gewisse Hoffnungslosigkeit ausgebreitet und beginnt, mein Herz eisig zu umklammern. Diese ewig schlechten Nachrichten – ich habe sie so satt! Wie soll ein Kater das alles stemmen?

Adam steht wohl schon eine ganze Weile und betrachtet besorgt, wie ich zur Salzsäule erstarrt und mit leerem Blick als lebende Deko in unserem Wohnzimmer herumstehe. Nach einem halbherzigen Versuch, mich aufzumuntern, verschwindet er schliesslich in unserem Luxus-Spa-Badezimmer. Mittlerweile ist es dunkel geworden und ich starre stumm in die Finsternis. Die Hoffnung schaut auch nicht auf einen Sprung vorbei, sie bleibt, wo sie ist, verschollen. Plötzlich dringt von draussen laute Musik. «Grönemeyer kann nicht tanzen», grölen die Ärzte aus einem Autoradio und der Takt der Musik setzt sich sofort in meinen Ohren fest. Plötzlich beginnen meine Zehen zu zappeln. Die Musik weckt mich nach und nach aus meiner Starre und  schiebt die eiserne Kälte weg. Langsam steigt Aufregung vom eisigen Boden hinauf in jede einzelne Fellspitze. Dann beginne ich, mich zu bewegen, klopfe den Takt mit meinem Schwanz, mache zackige Bewegungen und fege schliesslich mit wild rudernden Armen und spastisch anmutenden Bewegungen durch den Raum. Grönemeyer kann nicht tanzen? Ich aber schon und ich tanze mir den ganzen Frust von der Katerseele. In einem ausdrucksstarken Contemporary springe, kugle, falle ich, steige hoch, purzle herum … ich recke die Arme zum Himmel, mein Atem geht unrhythmisch, der Blick irr. Das Wohnzimmer ist komplett durcheinander gefegt, doch die negativen Gedanken sind verschwunden. Keine muffige Schwermut mehr vorhanden! Welch eine Erlösung! Ich bin in diesem Moment unendlich dankbar!

Da steht Adam wie ein Gespenst im weissen Seidenpyjama vor mir und starrt mich mit riesigen Augen an. Aus der Soundanlage dröhnt laute Musik. «Sag mal, hast du den Verstand verloren?», bricht es aus ihm heraus. «Nein, die Hoffnung, aber ich hab sie wiedergefunden», referiere ich ungeduldig wie alle Wissenden. Entsetzt sieht mich Adam an. «Aber, was ist denn los!»

«Das ist los!», spucke ich ihm, diabolisch lachend, ins entsetzte Gesicht, schmeisse die Wohnzimmertüre zu und tanze wild gestikulierend weiter. Ich wäre nicht ich, wenn ich aus meiner Erfahrung nicht Kapital geschlagen hätte. Nur Stunden später ist unser Hobbykeller zu einem Tanzsaal mit Power-Musikanlage umgestaltet. Mit Eurozeichen in den Augen reibe ich mir schon mal die Pfoten und poste eifrig «Hope» über alle Kanäle des World Wide Web.

Illustration: Manuela Dona

Herbert Grönemeyer (66) hält der Welt auf seinem neuen Album «Das ist los» den Spiegel vor und versucht trotz aller Krisen Optimismus zu verbreiten.

Mit dem Eröffnungslied «Deine Hand» umreissen Sie die Tonalität Ihres neuen Albums – irgendwo zwischen Angst und Hoffnung. Wo liegt sie auf einer Skala zwischen 1 und 10?
Spontan würde ich sagen: Die Angst bei 4 und die Hoffnung bei 7.

Welche Reaktion halten Sie für angezeigt?
Ich glaube, dass die Zeit massiv drängt und ganz viele Menschen aus dem Schlaf gerissen werden müssen. Wir haben es uns in unserem Komfort lange sehr gut eingerichtet, aber nun ist die Situation so dramatisch, dass wir begreifen müssen, dass wir auf diese Art in vielerlei Hinsicht nicht mehr weitermachen können. So ist es nur legitim, Forderungen zu stellen und Veränderungen zu wollen.

Was gibt Ihnen Anlass, da optimistisch zu sein?
Wenn man all den Krisen in den letzten Jahren etwas Positives abgewinnen kann, dann ist es, dass sie uns so sensibilisiert und offenporig gemacht haben, dass uns gewisse Dinge mehr berühren als zuvor. Wir schaffen es nicht mehr so leicht, Themen schnell wieder zu verdrängen.

Woran denken Sie?
Die Situation im Iran, das eigentlich weit weg und doch sehr präsent ist. Jetzt, wo wir die Bilder aus dem Ukraine-Krieg täglich vor Augen haben, können wir uns auch viel besser vorstellen, wie grausam der Bürgerkrieg in Syrien war.

Ist die Klimakrise durch den Ukraine-Krieg und die Rohstoffknappheit nicht etwas in Vergessenheit geraten?
Nein, seltsamerweise nicht, obwohl es den Reflex gibt, dass man sich ja nicht ständig mit allem beschäftigen kann. Es stimmt: Zwischendurch braucht man mal eine Pause. Die Pandemie und die Inflation haben jedoch manche Dinge sichtbarer gemacht, etwa, dass in Deutschland 13 Millionen Menschen von Armut betroffen sind, also jede und jeder Sechste. Aus diesem Grund habe ich mit einigen Freunden eine Gruppe gegründet, die sich mit dem Thema beschäftigen will.

Wie ist der Titelsong «Das ist los» entstanden?
Mein Walisischer Produzent Alex Silva spricht noch immer relativ schlecht Deutsch, obwohl er schon seit zwanzig Jahren in Berlin lebt. Das liegt daran, dass er sehr charmant ist und die meisten Leute deswegen mit ihm Englisch sprechen. Wenn ich ihn anrufe und frage, was bei ihm los ist, sagt er immer: «Das ist, was ist los.» Ein Übersetzung der Redewendung «That’s what’s hapenning.» Er selbst hat sie aufgenommen, singt auch mit und steuerte noch diesen Gitarrensound bei. Daraus haben wir in einem Studio in Schweden diesen Song gebastelt, indem wir im Schnelldurchlauf irgendwelche Namen und Schlagworte runterknattern.

Wollen Sie dem Album mit dieser an «Da Da Da» anklingenden Nummer etwas Leichtigkeit verleihen?
Stimmt, das Lied erinnert an Trio und ist musikalisch eine Mischung aus Neuer Deutscher Welle und Rock’n’Roll sowie inhaltlich eine Persiflage auf den ganzen Informationswahn. Wie einst «Männer», bei dem ich trotzdem ernsthaft gefragt wurde, ob es sich bei diesem Song um das Psychogramm des Mannes handeln würde, ist «Das ist los» jedoch vor allem eine Spassveranstaltung

Was bedeutet Ihnen das Tanzen, das in mehreren Liedern vorkommt?
Für mich ist es eine Möglichkeit zu vergessen. Wenn man ein oder zwei Stunden tanzt – falls es die Kondition zulässt auch länger – hat man sogar in solchen Zeiten die Chance, den Kopf mal freizukriegen. Und da ich, wie jeder weiss, auch auf der Bühne ein grosser Tänzer bin, singe ich gerne drüber. Manchmal schleicht sich das Wort fast unbemerkt in einen Text, wie in «Baby, you wanna dance» bei «Herzhaft». Ich habe die Zeile schon im englischen «Bananen-Text» gesungen und keine passende Übersetzung gefunden. Das klang immer viereckig.

Hatten Sie beim Tanzen nie Hemmungen?
Nein, nie! Ich war in meiner Pubertät oft in Frankreich und habe dort auch in Kneipen gespielt. Dann brachten mir die Franzosen und Französinnen ihren Rock’n’Roll bei, den sie zweihändig und mit unglaublichen Verdrehungen, Unterzügen und Überwürfen tanzten. Wenn ich den in Deutschland an Partys vorgeführt habe, konnte ich die Leute enorm beeindrucken. Wobei man anfangs der Siebzigerjahre nicht nur jeden Samstag an eine Party ging, sondern bei mindestens zwei oder drei Partys vorbeischaute. Später ging ich eine Zeit lang nach den Konzerten – sehr zum Leidwesen meiner Bodyguards – an Technopartys und tanzte meinen Adrenalinspiegel runter.

Für Ihre tänzerischen Bewegungen auf der Bühne werden Sie manchmal belächelt …
Satiriker Wiglaf Droste und Bela B. von den Ärzten machten sich sogar in einem Lied über mich lustig: «Grönemeyer kann nicht tanzen». Sie hatten sich in den Achtzigerjahren bei einem Konzertbesuch gefragt, wer dieser Typ ist, der so ungewöhnlich tanzt, und dachten, ich würde mich tierisch über den Song aufregen, aber ich fand ihn witzig. Wir im Ruhrgebiet sind diesbezüglich schambefreit, da wir ganz allgemein und speziell wegen unserer komischen Sprache als nicht ganz dicht gelten!

Sie hatten auch mit Ihrem Gesangsstil nie ein Thema, oder?
Nein, ich bin auch da völlig hemmungslos, denn es ist mein persönlicher Ausdruck. Es ging mir immer extrem auf die Nerven, wenn Produzenten an meiner Art zu singen herumdoktern wollten, obwohl ich ihnen sagte, dass mein Vorbild Bob Dylan war, von dem man kein Wort versteht. Ich sagte mir: Ich singe, wie ich singe, und ich küsse, wie ich küsse. Da gibt es auch keine Jury.

«Genie» ist eine Aufforderung, gross zu träumen. Haben Sie das schon immer getan oder erst aus einer bestimmten Erfahrung heraus?
Ich habe schon früh gespürt, dass man in die Aktion kommen muss. Anerkennung bekam ich zum Beispiel, wenn ich beim Kaffeekränzchen meiner Mutter ein Lied sang und auf meiner Ukulele spielte.

Sie besingen die Frauen nicht nur als Geliebte, sondern auch als Heldinnen und Retterinnen. Sind sie die grösste Hoffnung, die der Menschheit bleibt?
Ihr Mut und ihre Energie sind momentan wahnsinnig gefragt, da der Kampf um die Gleichstellung und Gleichberechtigung noch lange nicht gewonnen ist. Mit ihrer weiblichen Intelligenz und Denkweise, aber auch ihrer Radikalität und Militanz, die man gerade im Iran sieht, wo die Frauen mit ihrer unglaublichen Courage und Tapferkeit trotz Todesdrohungen beeindrucken, könnte es ihnen gelingen, die Krisen dieser Welt in den Griff zu kriegen.

Wie kam es zu den eher ungewöhnlichen Liebes-liedern auf dieser Platte?
Die Zeile «Manchmal legt der Tau sich auf mich» in «Tau» beschreibt die Melancholie, wenn einem die grossen Glücksgefühle nicht geheuer sind, da sie fast zu schön sind, um von Dauer zu sein. «Tonne Blei» handelt von einer egoistischen und obsessiven Beziehung. «Urverlust» fasst den Schmerz in Worte, wenn man rückblickend erkennt, dass man in der Vergangenheit Fehler gemacht hat, nach denen dein Leben eine falsche Richtung nahm.

Nehmen Sie sich mit 66 zwischen den Plattenproduktionen und Tourneen öfter Auszeiten, etwa um Ferien in Ihrer Wohnung in Celerina zu machen?
Nein, ich könnte darüber dachdenken, vielleicht etwas kürzerzutreten, doch ich bin nun mal sehr rastlos und schaffe mir immer neue Aufgaben, weil ich sonst Angst habe, dass ich stillstehe. Früher habe ich neben Theater oder Musik auch noch Sport getrieben. Daran habe ich immer noch Freude, doch dann hatte ich in Celerina einen solchen Husten, dass ich keinen Ton mehr herausbrachte.

Vor einer Tournee hätten Sie aus Versicherungs-gründen wohl eh nicht Skilaufen dürfen …
Genau, deshalb und weil es ein gutes Konditionstraining ist, wollte ich eigentlich Langlauf machen. Wegen der
Erkältung konnte ich jedoch nur Spazieren gehen und die gute Luft geniessen.

Fotocredits: Victor Pattyn

Die deutsche Vogue bezeichnet Thom Pfister als einen der kreativsten Designer. Dior, Prada und Levi’s haben für ihre Kampagnen mit ihm zusammengearbeitet und nicht umsonst wurden seine ikonischen Arbeiten mit mehr als 250 Kreativ-Awards ausgezeichnet.

Die Handschrift von Thom Pfister ist unverkennbar. Kaum einer vermischt die Disziplinen wie Grafik, Fotografie, Malerei, Illustrationen so gekonnt wie er. Von Hause aus als Grafiker arbeitete er einige Jahre als Designer im renommierten Studio Achermann, dann in London. Er führte Agenturen in Zürich und Bern und gründete 2021 das Studio Thom Pfister in seiner alten Heimat Bern.

Thom, gleich zu Beginn eine ketzerische Frage. Du lebst und arbeitest in Bern. Wäre nicht eher Zürich «the Place to be» für Kreative?
Kreativität, Inspiration und Freundschaften sind für mich nicht an einen Ort gebunden. Unser Studio fühlt sich hier wohl und es bringt auch eine gewisse Gelassenheit mit sich. Als Kreativen zwingt Bern aber auch dazu, immer wieder unterwegs zu sein. Gerne auch immer mal wieder Zürich.

Nun zu deiner «Paradedisziplin». Was kann Design?
Design ist keine reine Formsache, sondern zukunftsweisend, kritisch und visionär. Gutes Design hat eine unglaubliche Kraft und eine wundervolle, ansteckende Energie. Es gibt etwa 7’000 unterschiedliche Sprachen auf der Welt und unzählige Dialekte. Sie haben sich über viele Jahrhunderte entwickelt und verändern sich immer wieder aufs Neue, ich denke, das trifft auch auf den Begriff Design zu.

Fest steht, dass gutes Design kein Verfallsdatum besitzt. Was sind für dich hierbei die wichtigsten Ingredienzien?
Der wichtigste Bestandteil ist es, Menschen zu lieben. Dazu kommt ein grosses Interesse an guter Fotografie, Film, Typografie und Farbe. In der Essenz der Beilagen sollte immer genügend Spass dazukommen. Musik, Kunst, Mode, Illustration und das Gefühl der Formensprache.

Polarisieren oder Gefallen?
Begeistern und inspirieren vielleicht eher. «Polarisieren» ist oft zu kurzfristig angelegt, «gefallen» hingegen zu flach, weil es mir nicht um das Dekorieren geht, sondern darum, mit Design Ideen und Haltung zu schaffen.

Betrachtet man deine Arbeiten, fällt einem eine starke Affinität zur Modewelt auf. Woher kommt diese Liebe?
Schon als kleiner Junge hatte ich mir immer die Modezeitschriften meiner Eltern geschnappt. Meistens hatte ich, bevor meine Mutter die Vogue lesen konnte, die Bilder und Texte ausgeschnitten und in meine Moleskin-Bücher geklebt. Später habe ich während meiner Zeit an der Kunstgewerbeschule in Modehäusern gearbeitet, wo ich Schaufenster gestaltete und Preislisten schrieb. Übrigens hatte mich das Team von Levi’s beim Dekorieren der Schaufenster «entdeckt». So konnte ich schon während meiner Ausbildung zum Grafiker meine erste Levi’s-Kampagne realisieren.

Im Laufe der Zeit verändert sich Design. Inwiefern hat sich die visuelle Ästhetik im Zuge der Digitalisierung verändert?
Es ist unglaublich vielseitiger, spannender und kreativer geworden. Einfach wundervoll.
Das Design darf sich im digitalen Raum noch mehr entfalten und auf viele animierte Elemente zugreifen. Auch die Materialität hat für mich wenig verloren. Zurzeit arbeiten wir an verschiedenen Magazin-Projekten im Print (und digital), das bestärkt mich in der Zuversicht.

Dass du alles richtig gemacht hast, davon zeugen deine mittlerweile 250 internationalen und nationalen Auszeichnungen und Awards …
Ich finde es wichtig, sich national und international mit anderen Kreativen zu messen. Das ist nicht nur für unsere Kunden eine wichtige Ausprägung, sondern auch für uns selbst. Einen Award zu gewinnen ist immer eine tolle Anerkennung, sollte aber nicht das Ziel einer Arbeit sein.

Du selbst bist stilvoll vom Scheitel bis zur Sohle, das Schöne umgibt dich Tag für Tag. Waren Ästhetik und die Liebe zum Design schon immer deine Begleiter im Leben?
Danke. Ästhetik hat mich in der Tat immer begleitet, interessiert und eine grosse Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Sie ist ein Teil von mir. Das Spektrum von Ästhetik, Schönheit und gutem Design ist etwas, das einen anrührt. Ich denke dabei auch an ein schönes Theaterstück. Ich gehe ins Theater und erlebe plötzlich etwas Besonderes. Ich glaube, dass Schönheit nicht demokratisierbar ist. Sie ist etwas sehr Persönliches. ⁄

Photo: Ciryll Matter, Zürich, Thom Pfister

Der Kater spielt Foul

„Ich kann nicht mehr!“  Mit diesen total aus dem Zusammenhang gerissenen und somit unverständlich theatralischen Worten betrat Adam, mein menschlicher Dosenöffner, unser trautes Heim, fetzte seine Laptoptasche in die erstbeste Ecke und verschwand in den Tiefen unseres Gartens.

Im schräg einfallenden Licht tanzten Staubpartikel, die Luft schien irgendwie elektrisiert.

Ich liess ihm ein paar Minuten, bevor ich ihn in der Hängematte bei unserer riesigen Blutbuche aufstöberte. Dieser Baum hatte schon des öfteren Abschnitte und Abzweigungen in unser beider Leben begleitet. In der Rinde fanden sich zahlreiche Markierungen, Herzen, Namen von verlorenen Lieben und Daten von Lebensabschnitten, eingeritzt.

Stumm setzte ich mich zu seinen Füssen und wartete. Schliesslich begann er mit geschlossenen Augen und schwacher Stimme zu sprechen. „Diese Arbeit erfüllt mich nicht! Der ständige Stress, Aufregungen wegen Kleinigkeiten, permanent der Kritik der Kollegen und Vorgesetzten ausgesetzt – ich habe den ganzen Tag das Gefühl hinterherzuhecheln.

Noch dazu habe ich mir diese Doppelbelastung mit der Elite-Ausbildung an einer der renommiertesten Institute in der Schweiz aufgehalst. Das verlangt einem wirklich alles ab! Ich wollte unbedingt weiterkommen, aber meine Talente werden in keinster Weise geschätzt, ja nicht einmal benötigt. Ich habe heute gekündigt. Ich möchte das Leben geniessen, reisen, einen Marathon laufen, malen oder ein Buch schreiben. Ich könnte Gesangsunterricht nehmen, ich hatte immer einen sehr schönen Tenor – warum nicht!“

Entsetzt starrte ich ihn an, meine Ohren legten sich gefährlich an und mein Schwanz peitschte nervös ins Gras! Sein  Gejammer hatte meine Toleranz- und Akzeptanzgrenze gleichzeitig zum Mond geschossen.

Er will ein erfülltes Leben führen, dachte ich verstört. Wozu?

Eine unerträgliche Vorstellung, wenn Adam den ganzen Tag zu Hause rumhängen und laut grölend meine gewohnten Abläufe stören würde. Länger als 2 Tage halte ich dieses, ständig sinnlose Thesen vertretende, Menschenwesen nicht in meiner Nähe aus.

„Du warst doch bisher glücklich! Denke einfach ein wenig darüber nach, wo du deine Linie ziehst und auf welche Dinge du nicht verzichten willst“, sagte ich verständnisvoll.

Für mich dachte ich, dass essen, schlafen und ab und zu joggen doch genug sein müsste für so einen schlichten Amöben-Zellenhaufen.

Schliesslich legte ich mich voll ins Zeug und überzeugte ihn, dass er eine andere Arbeit suchen müsse. Jeder Mensch brauche ein Ziel und Erfüllung kriege man nicht geschenkt – man müsse sie sich hart erarbeiten! Man könne auch einiges miteinander verbinden. Zu Hause rumhängen gehe gar nicht, denn schliesslich habe er ein Heim zu erhalten und trage Verantwortung für einen verwöhnten Kater, dessen Lebensstandard nun wirklich nicht verhandelbar sei.

Mit dieser Breitseite liess ich ihn in der Hängematte zurück, schlenderte zuversichtlich und erhobenen Haupts ins Haus und machte mich daran, Stellenanzeigen rauszusuchen und gefinkelte Bewerbungen zu schreiben, während er mit einem Messer am Baumstamm  rumkratzte.

Wie es ausgegangen ist? Dank meiner Bewerbung hat er nahtlos einen neuen Job gefunden. Um seine Lust zu reisen zu befriedigen, fährt er nun jeden Tag laut singend eine Stunde ins neue Büro auf dem Land. Nach der Arbeit geht er dort im Grünen gleich joggen und trainiert für einen Marathon, den er nie laufen wird. Wenn er dann total erschöpft heimkommt, schicke ich ihn duschen und nehme das Abendessen vom Luxus-Lieferservice entgegen.

Wir führen ein glückliches, erfülltes Leben – ich auf jeden Fall!

 

Copyright Illustration: Manuela Dona

Ein Interview mit dem italienischen Komponisten

Der italienische Pianist und Komponist Ludovico Einaudi (66) ist der meistgestreamte klassische Künstler aller Zeiten. Er füllt mit seiner Musik, die teilweise einen meditativen bis loungigen Charakter hat, Konzertsäle und Poptempel. ADAM THE MAGAZINE sprach mit ihm über die Entstehung seines neuen Albums «Underwater».

Ihre Musik ist Balsam auf die Pandemie-geplagte Seele.  Eigentlich müsste man «Underwater» auf Rezept bekommen…
Ja … (schmunzelt), sagen wir es so: Es besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen dieser Musik und der Situation, in der wir uns befinden. Die ersten Stücke sind vor zwei Jahren entstanden. Ich kam gerade von Konzerten in Australien und Singapur zurück, als in China die ersten Anzeichen von Covid auftauchten, aber noch niemand dachte, dass dieses Virus auch uns erreichen könnte. Dann ist es auch hier in Norditalien explodiert und der Lockdown gekommen. Ich wollte eigentlich nur eine Woche in unserem Haus in den Bergen verbringen, doch dann wurden einige Monate draus.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es war, als ob alle Aktivitäten auf der Welt angehalten worden wären. Das hatte ich vorher noch nie erlebt, niemand hatte das je erlebt. Wenn man all das Leid, das viele Menschen erfuhren, ausklammert, hatte die plötzliche Ruhe und Stille auch Positives. Es gab fast keine Flugzeuge am Himmel, die Luftverschmutzung war reduziert und die Fische kehrten in die Lagune von Venedig zurück. Es war, als ob die Natur uns sagen wollte, wir sollten alles ein wenig ruhiger angehen lassen und den Planeten nicht so stressen.

Haben Sie sich daran gehalten?
Ich begann diese Tage, an denen ich keine Verpflichtungen hatte, auszukosten und fühlte mich fast wie ein Teenager, der in den Tag hineinlebt und nur das macht, was er liebt. Ich ging spazieren, setzte mich danach ans Piano, komponierte, nahm Stücke auf … Alles war im Fluss, ohne Druck, ohne genaues Ziel. Eigentlich wollte ich kein neues Album machen.

Sondern?
Ich habe alles aus Lust und Freude getan, denn ich hatte uneingeschränkt Zeit. Da niemand wusste, wann die Pandemie ein Ende haben würde, hatte ich das Gefühl von Unendlichkeit. Ich begann einige Ideen zu Papier zu bringen. Die Stücke wuchsen mir besonders ans Herz, weil diese Musik zu mir gekommen war, ohne dass ich sie gesucht hatte. Dann merkte ich, dass ich sie gerne mit anderen teilen wollte.

«Underwater» ist Ihr erstes Solo-Klavieralbum seit 20 Jahren …
Ja, wobei mir das zu Beginn gar nicht bewusst war, da auch auf anderen Alben vereinzelt Solo-Klavierstücke vorkamen. Mir gefällt es, zu dieser puren Form zurückzukehren, dem Dialog zwischen Klavierspieler und Instrument, der ein Geben und Nehmen ist. Durch die Atmung und Bewegung wirkst du auf das Klavier ein, worauf es den Klang zurückgibt, der wieder zur Atmung führt. Es ist fast wie Didgeridoo spielen! (Lacht)

Was hat Sie zum Albumtitel inspiriert?
«Underwater» steht für einen Klang, der nicht aus unserem Alltag kommt, in dem die Welt pulsiert und sich bewegt, sondern aus einer Sphäre, in der alles runder und gedämpfter ist. Unter Wasser hört man den eigenen Atem, den Puls, und nimmt sich anders wahr.

Wofür steht der Schwan auf Ihrem Cover?
Im antiken Griechenland war er ein Symbol für Schönheit und Anmut. Für Apollo, den Gott der Poesie und Musik, galt er als heilig. Der Schwan steht ausserdem für Tiefe und erinnert dich daran, deinem Instinkt – dem Fluss des Lebens – zu folgen.

Stimmt es, dass Sie das Foto selbst gemacht haben?
Ja, schon seit ich 14 bin, ist das Fotografieren, vor allem mit Filmen, eine grosse Leidenschaft von mir. Ich habe eine kleine Kamera-Sammlung und liebe es, auf Spaziergängen oder Tourneen zu fotografieren. Meine Konzerte beginnen oft mit Projektionen von Bildern, die ich gemacht habe.

Wie entstehen Ihre Kompositionen?
Die ersten Ideen entstehen bei Improvisationen, aus einem irrationalen rhapsodischen Impuls heraus. Dann spiele ich die einzelnen Teile immer wieder, überarbeite sie, schreibe die Noten manchmal von Hand in meine Hefte. Durch die wiederholte Beschäftigung nehmen die Stücke langsam eine Form an, mit der ich zufrieden bin. Nach dieser ersten Phase der Verfestigung können bei der Aufführung vor Publikum noch weitere Variationen entstehen, welche die Komposition nur für diesen Abend oder dauerhaft verändern. Interessanterweise weiss ich beim Aufnehmen eines Albums nie, welche Stücke ich auf Dauer besonders gerne spielen werde und welche bekannter werden. Das ist sehr unterschiedlich.

Wie würden Sie Ihre Musikphilosophie beschreiben?
Es gefällt mir, wenn man bei Konzerten, auch den eigenen, eine gewisse Loslösung von den Originalaufnahmen heraushört und eine nicht erzwungene Intensität. Als ob sich die Musik von selbst spielen und von einer konstanten Energie vorangetrieben würde. Um alle Emotionen auszudrücken zu können, die mir wichtig sind, Freude, Kraft, Melancholie und Trauer, muss ich mich in die Musik vertiefen können und eine innere Ruhe finden, was mir jedoch nicht immer gelingt.

Ihre Musik inspiriert auch, weil sie viel Raum für eigene Gedanken lässt. Welche Wirkung hat sie, wenn Sie selbst Ihre Aufnahmen hören?
Ich erkenne sofort ihre Stärken und Schwächen und überlege, ob ich das ausdrücken konnte, was ich wollte. Ich identifiziere mich mit dem Klang und spüre, ob dieser Klang zu sprechen vermag und dem Publikum all das vermittelt, was in ihm steckt. Natürlich ist es jedem freigestellt, was er darin hören möchte, aber mir ist wichtig, dass er (der Klang) für mich stimmig ist.

Was bedeutet es Ihnen, der meistgestreamte, klassische Musiker aller Zeit zu sein?
Ich denke nicht zu sehr an die Zahlen. Zu wissen, dass immer mehr Menschen meine Musik hören, motiviert mich jedoch zusätzlich, meine Arbeit immer besser zu machen und nur das zu tun, wovon ich gänzlich überzeugt bin. Der Erfolg ändert aber nichts an meiner Leidenschaft, den Zielen, die ich verfolge, und der Beurteilung meiner Arbeit. Ich bin da sehr kritisch und gebe mich nicht schnell zufrieden.

Ludovico Einaudi wurde am 23. November 1955 in Turin in eine einflussreiche Familie hinein geboren. Ein Grossvater war Staatspräsident von Italien, der andere Komponist und Dirigent, der Vater Verleger. Ludovico lernte schon früh, Klavier zu spielen, ging aufs Konservatorium und begann dann Bühnen- und Filmmusik zu schreiben sowie mit minimalistischen, von Philip Glass und Erik Satie inspirierten Solo-Klavierprogrammen aufzutreten. Sein bekanntester Soundtrack ist die Musik zum Kinohit «Ziemlich beste Freunde». Sein aktuelles Album «Underwater» (Universal Music) enthält zwölf meditative Piano-Instrumentalstücke.

 

Photos Copyrights: Ray Tarantino / Universal Music